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Frank Kittelberger
•Pfarrer •Pastoralpsychologe
•Gruppenanalytiker (GAG)
•Lehrsupervisor (DGfP) •Supervisor (DGSv)
Beltweg 16 ; 80805 München
Telefone: 089/363675 & 0171/9505015
Fax: 089/36092890
e-Mail: Frank.Kittelberger@i-dial.de

Der Affe auf dem Baum
Was leistet Supervision in der Hospizarbeit?

Vortrag anlässlich der 3. Fachtagung der Bayerischen Stiftung Hospiz am 14.10.2003 in Lichtenfels

(I) Einleitung

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Oft sind es die Menschen, die im Zoo am interessantesten wirken. Man stelle sich nur neben einen verglasten Affenkäfig und beobachte die großen und kleinen Besucher, die sich über die Tiere hinter der Scheibe freuen. Sie gucken und schneiden seltsame Grimassen hin zur Scheibe, sie klopfen und rufen und sind ganz gefangen von dem, was sie da sehen. Gerade so, als hätten sie etwas wieder erkannt.
Der Betrachter denkt sich: Das muss faszinierend sein.
Ich werden im Laufe dieses Vortrages auf dieses Wiedererkennen zurückkommen.

Doch nun drehen wir das Bild mal um. Es wird ja schon lange gemunkelt – meist in Fabeln – dass es in Wirklichkeit die Tiere sind, die uns beobachten und auf der anderen Seite der Scheibe quasi selbst in den Zoo gehen und ihre helle Freude an uns Menschen haben. So hört man gelegentlich.
Darauf muss ein Vorstandsmitglied eines bayerischen Hospizvereines zurückgegriffen haben. Denn als wir im Mai im Bayerischen Hospizverband zusammen saßen, erzählte dies eine Kollegin: In ihrem Verein habe kürzlich einer gesagt "Supervision – das ist doch wie wenn da ein Affe auf dem Baum sitzt und die Gruppe unter sich aus luftiger Höhe betrachtet und sich über ihr Treiben so seine Gedanken macht".

Nachdem ich das gehört hatte, wusste ich zumindest den Titel für meinen Vortrag. Und vielleicht ist es sogar mehr als nur ein Zeichen von Unwissenheit oder Befremden, wenn jemand die Supervision derart beschreibt.
Ich will dem nachgehen.

  • Ich werde in diesem Vortrag (I) einige einleitende Bemerkungen zur Supervision allgemein und speziell zur Supervision im Feld helfender Tätigkeiten machen.
  • Ich werde dann (II) beschreiben, was Supervision ist.
  • Dann will ich (III) der Kernfrage dieses Vortrages nachgehen und erläutern, was Supervision in der Hospizarbeit leistet.
  • Abschließend werde unter ich (IV) einige Anmerkungen dazu machen, wie und wo man SupervisorInnen findet und worauf man achten sollte. Nicht überall, wo Supervision draufsteht, ist das drin, was wir in der Hospizarbeit brauchen. Ich will gegen Ende also sozusagen den Affen vom Baum holen und in den Dialog einbinden. Vielleicht – um im Bild zu bleiben – sind wir ja beide "auf Besuch" im Zoo: Betrachter und Betrachtete, Supervisoren und Supervisanden.

Ich werde in diesem Vortrag die weibliche und die männliche Sprachformen bunt mischen und damit vermeiden, dass ich nur die männlichen verwende und die Frauen einfach "mitgedacht" werden müssen. Ich vermeide damit aber auch die "...Innen", deren groß gedrucktes "I" man bei einer Rede sowieso nicht hört.
Wenn ich also "die Supervisorin" sage, kann das auch ein Mann sein - und umgekehrt.

BERNHARD HEILMANN hat Supervision einmal als eine Tugend in der Hospizarbeit beschrieben. Zwar wird Supervision immer noch unterschiedlich häufig angeboten und wahrgenommen, aber sie hat Bedeutung. In manchen Vereinen und in ganzen Regionen ist sie inzwischen Standard. Es geht in der Sterbebegleitung um Menschen. Es geht um Begegnung, zu deren Gelingen oft nichts anderes beitragen kann, als die Person. Zwar hat die Palliativmedizinerin einige Medikamente zur Verfügung und die ambulante Hospizschwester die Mittel zur Mundpflege und zum Absaugen – aber das war es dann auch schon. Mehr Werkzeug gibt es nicht, da es vordringlich um Kommunikation und um Begleitung geht. In der Seelsorge, aus der ich ursprünglich komme, haben wir dann immer gesagt: "Du bist das Werkzeug!"
Die Begleiterin ist ihr einziges Werkzeug. Und das muss gepflegt und eingestellt und geschont werden. Dazu, meine Damen und Herren, ist Supervision wichtig. Supervision ist für mich nicht in erster Linie Qualitätssicherung. Das ist sie auch. Aber sie ist vor allem ein Mittel zur Pflege der Person des Helfers.

Anlass zu Supervision sei immer eine gespürte bzw. empfundene Unzulänglichkeit. So wird es gelegentlich in der Literatur beschrieben. Ich bestreite dies. Natürlich kommen viele Anfragen wegen eines Problems. Anlass für Supervision kann aber auch einfach die Tatsache sein, dass jetzt Supervision dran ist und ihr Recht hat. Gerade in der Hospizarbeit trifft man – zum Glück – auf diese Routine. In manchen Vereinen dient Supervision der permanenten Selbst-Reflexion. Und das ist gut so. Damit nimmt man der Supervision den Feuerwehrcharakter ("ich komme immer wenn es brennt"). Durch eine Konzentration auf Probleme und Defizite ist wohl auch Angst und manches Befremden gegenüber der Supervision entstanden.

Supervision dient mehreren Seiten gleichzeitig. Sie ist damit sehr effizient.
Supervision dient den Supervisanden, also den Hospizhelfern oder den Hauptberuflichen im Verein. Sie dient ihnen durch Stärkung und Hilfestellung. Darüber werde ich noch ausführlich sprechen.
Supervision dient aber auch dem Verein. Sie sichert Qualität und garantiert den Verantwortlichen, dass die Mitarbeiter und Hospizhelfer abgesichert und versorgt sind. Das ist wichtig, denn man trägt eine große Verantwortung als Hospizverein. Es ist keine Kleinigkeit, "Menschen auf Menschen loszulassen". Für diese Verantwortung ist das Angebot von Supervision eine Stütze und ein Gewinn.
Schließlich dient die Supervison indirekt den Sterbenden und ihren Familien. Eine Hospizhelferin, die ihren Einsatz verstanden und reflektiert hat, wird authentischer und freier, zugewandter und entlasteter begleiten. Das wirkt sich auf die Beziehung zum Klienten natürlich aus. Auch dieser profitiert also indirekt von der Supervision.

Nun werden Sie mich fragen: "Und der Supervisor? Hat der nichts davon? Dient die Supervision nicht auch ihm?" Meine Antwort ist ein klares "Nein". Eingeschränkt wird dieses "Nein" nur durch die Tatsache, dass die Supervisorin bezahlt wird. So gesehen dient auch ihr die Supervision. Mehr nicht, denn zu mehr ist die Supervision nicht da. Sie hat nicht dem Supervisor zu dienen! Es ist nicht seine Stunde. Nicht er steht im Mittelpunkt. Es geht nicht um ihn. So wie wir auch den Hospizhelfern sagen: "Es geht in der Begleitung nicht um Euch und Eure Bedürfnisse, sondern um den Sterbenden und seine Familie". So gesehen also hat der Supervisor nichts von der Supervision und das ist gut so. Darauf komme ich noch zurück.

Die Erwartungen an Supervision sind hoch. Es gibt Hospizhelfer, die v.a. deshalb ihre Tätigkeit angefangen haben, weil sie dabei gute Fortbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Supervision erfahren. Mir hat das eine Hospizhelferin einmal mit genau diesen Worten erklärt - und sie fand dieses Motiv völlig in Ordnung.

Dabei ist Supervision gar kein freiwilliges Angebot. Wir fordern sie ja ein. Wir fordern die Hospizhelfer auf, regelmäßig in Supervision zu gehen. Es ist eine permanente zwangsverordnete Reflexion, wenngleich es unterschiedlich strenge Handhabungen gibt. MICHAEL SPOHR z.B. beschreibt die Praxis im Hospiz in Frechen: "Es ist besonders wichtig, darauf hinzuweisen, das niemand zur Supervision verpflichtet wird, sondern den Bedarf selbst anmeldet. In besonders schwierigen Betreuungsfällen weisen die Verantwortlichen auf das Angebot besonders hin."1 Hier wird also eher indirekt zur Supervision geraten. Andere Hospizvereine haben die Supervision längst als verpflichtend in die Einsatztätigkeit eingebaut. Auch in vielen sozialen Einrichtungen oder Beratungsstellen, in psychologischen Kliniken, in der Telefonseelsorge ist dies nicht anders. Es scheint, als ob wir zurückkehren zu den Wurzeln der Supervision. Vor mehr als 100 Jahren war Supervision als Kontrolle und Praxisanleitung Teil der Berufswirklichkeit der Fürsorger und Sozialarbeiter im Amerika der Industrialisierung. Dort hat sie ihre Wurzeln, wenngleich es noch frühere Belege für den Begriff des Supervisors gibt2. Es war gut gemeinte und hilfreiche Praxiskontrolle und weniger Reflexion des Rollenerlebens.
Im emanzipatorischen Denken der 70er und 80er Jahre des späteren Deutschlands hatte eine solche Kontrollfunktion wenig Chancen. Supervision entwickelte sich nun zur personorientierten Beratung, die sich Sozialprofis persönlich leisteten, um über sich und ihre Arbeit nachzudenken und ihre Zufriedenheit zu erhöhen und ihre Praxis zu verbessern. Gelegentlich wurde dies sogar mit Misstrauen von den Institutionen betrachtet. Als ich nach dem Studium ins Vikariat ging, da galten Kollegen, die Selbsterfahrung, Supervision oder gar Therapie besuchten, eher als suspekt.
Je erfolgreicher Supervision dann wurde, desto mehr Einrichtungen anerkannten supervisorische Begleitung als sinnvoll in sozialen Berufen und bezahlten diese auch für ihre Mitarbeiter. Gleichzeitig musste dort, wo die Institution nun Supervision forderte, Überzeugungsarbeit geleistet und absolute Freiwilligkeit und Verschwiegenheit garantiert werden. Supervision als Kontrolle – das war undenkbar und ist es für viele bis heute.
So ist nach einem Jahrhundert in verschiedenen Feldern – so auch in der Hospizarbeit – Supervision dort angelangt, wo sie begonnen hat: als eine Forderung des Trägers bzw. Arbeitgebers.
Der Bedarf liegt wirklich vor und ich halte ihn für real und nicht für "künstlich geweckt", wie manchmal gesagt wird. Supervision dient und nützt und ist notwendig. Die Begriffe "freiwillig" und "Kontrolle" sind für mich hier keine Gegensätze. Vielmehr ist Supervision eine Art "freiwillige Selbstkontrolle", die ich verlangen muss, wenn Menschen mit Menschen arbeiten.

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(II) Was ist Supervision?

Das ist inzwischen eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Die Literatur, der Markt und die Praxis sind unübersichtlich und umkämpft. Ich kann ihnen nur einige Raster nennen, nach denen unterschieden wird. Ich will mich aber auch nicht drücken und beginne deshalb mit einer Arbeitsdefinition für mich und Sie: 
"Supervision ist eine Form der psychologisch orientierten Beratung für Menschen, die in einem Praxisfeld tätig sind und durch die Reflexion ihrer Rolle, ihres Handelns und ihres Erlebens dieser Praxis Sicherheit, Vergewisserung und neue Spielräume für diese Rolle und diese Praxis gewinnen möchten."

In diesem Satz steckt wohl alles drin. Auch viel Konsens. Ich denke die meisten KollegInnen könnten sich auf solch eine grobe Definition einlassen. Daher nun ein paar Punkte, an denen sichtbar wird, wie sich Supervision differenziert und von welchen anderen Beratungsformen sich Supervision gänzlich unterscheidet.

1. Setting

Einig sind sich alle: Supervision ist ein Form der Beratung und hat mit Reflexion zu tun. Praxis wird berichtet, angehört und gemeinsam reflektiert. Daraus ergibt sich im günstigsten Fall Verstehen und daraus erfolgt Veränderung und vielleicht der Mut zu neuer Praxis. In dieser Reihenfolge.
Supervision beschäftigt sich also mit den Erlebnissen und Ereignissen der Praxis und mit der Person, die von dieser Praxis berichtet. Supervision hat zusätzlich das Supervisionsgeschehen selbst, den Prozess und die anderen Teilnehmer im Blick. Es geht nicht allein um die bessere Praxis nach der Supervison. Das wäre einseitig. Es geht auch um das, was mit der Supervisandin geschehen ist. Allerdings geht es nicht ausschließlich um die Person der Supervisandin. Das wäre das andere Extrem. Supervision bewegt sich zwischen diesen beiden Polen: Arbeitspraxis und Person. Dabei steht Supervision in einer pädagogischen Tradition. Supervision ist ein Form des Lernens zwischen diesen beiden Polen. Wir fragen also:
"Was passiert mit dem Supervisanden, wenn er von seiner Praxis berichtet und danach wieder in die Praxis zurückkehrt?" In diesem Zirkel aus Praxis <-> Reflexion/Supervison <-> neue Praxis geschieht Veränderung3.
Durch die Fokussierung auf das Lernen gelingt es dann auch, Supervison als ein Instrument der Qualitätsentwicklung und Qualitätskontrolle zu verstehen: Sie dient der Qualität der Arbeit, indem sie das Lernen des Supervisanden im Blick hat. Es geht nicht um seinen Charakter, seine Neurosen und Fehler, seine handwerklichen Fähigkeiten oder seine wunderbare Gesprächshaltung – es geht um sein Lernen. Ich betone diesen pädagogischen Aspekt, weil sich daraus später wichtige Abgrenzungen ergeben.
Für die supervisorische Beratung werden unterschiedliche Settings angewendet, deren Unterscheidung manchmal schwer verständlich ist. Wer sich dafür näher interessiert, kann das in einer interessanten Arbeit von HERBERT EFFINGER nachlesen4. Lassen Sie mich aber wenigstens zwei Settings nennen, die ich von Supervision unterscheide, obwohl sie in den Kontext gehören: Coaching und Praxisbegleitung.

Mit Coaching wird heute meistens die "Beratung von Menschen mit Steuerungsfunktionen" bezeichnet. Coaching wäre dann eine Art "Einzelsupervision für Führungskräfte". Manchmal wird eine andere Unterscheidung verwendet, wenn als Coaching auch das Führen von Untergebenen bezeichnet wird. Wie im Sport ist der Coach dann der Trainer seiner Mitarbeiter. Meist aber wird im psychosozialen Sprachgebrauch mit Coaching die Beratung einer Führungskraft bezeichnet. Diese Beratung dient dem Klienten dazu, besser Führen zu können. Es geht eher um "Personalentwicklung" als um "Personentwicklung"5.

Spannender ist für unseren Kontext die Frage nach der Praxisbegleitung. Hier tauchen in der sozialen Arbeit und in der Hospizarbeit Vermischungen mit Supervision auf. Wir verstehen unter Praxisbegleitung die Kombination aus Praxisanleitung und Praxisreflexion. Es geht dabei ausschließlich um die Arbeitspraxis. Ein Beispiel aus der Krankenpflegeausbildung: Eine Unterrichtsschwester begleitet den Pflegeschüler auf Station und zeigt ihm dies und das direkt vor Ort. Das wäre die Praxisanleitung. Im Einzelgespräch oder auch im nächsten Unterricht in der Klasse werden diese Einsätze dann nachbesprochen. Das wäre die Reflexion. Zusammen bilden sie die Praxisbegleitung. Die Person des Schülers, seine Gefühle, seine Widerstände und Ängste, seine Freude – all das steht nicht im Mittelpunkt. Sein Lernen hat hier v.a. handwerklichen Charakter. Es versteht sich, dass die Praxisbegleitung durch eine erfahrene Fachkraft erfolgen muss, die diesen Beruf beherrscht. Der Unterschied zur Supervision ist deutlich. Ich zitiere dazu JOCHEN STEURER:
"Praxisbegleitung ist die kontinuierliche Unterstützung bei der Verarbeitung von Erfahrungen und Situationen in der praktischen Arbeit. Hier ist zu unterscheiden: die individuelle Begleitung und Beratung während eines Einsatzes [und] die fallbezogene Praxisreflexion in einer Gruppe. Supervision ist eine Beratungs- und Lernform, die problembezogen die Praxis im Tätigkeitsfeld ... in Blick nimmt. Ihr Ziel ist eine möglichst gute Harmonisierung von Person und eigener Rolle im Tätigkeitsfeld. Supervision will auf diese Weise die fachliche und persönliche Kompetenz der Teilnehmenden ... vertiefen."6

Damit haben wir drei Formate, die sicher eng zusammengehören, aber besser nicht vermischt werden. Dies sage ich ausdrücklich, weil gerade die Vermischung von Supervision und Praxisbegleitung in der Hospizarbeit gelegentlich anzutreffen ist. Das mag jeweils Gründe haben, aber ich plädiere für die Trennung7.
Einem Irrtum will ich an dieser Stelle noch entgegentreten: Praxisbegleitung sei etwas für Ehrenamtliche und Supervision für Hauptamtliche oder Profis. Das halte ich für kontraproduktiv. Was die Gleichsetzung von "hauptamtlich" und "professionell" angeht, habe ich nämlich Probleme. Ich haben mir angewöhnt, wirklich nur "hauptamtlich" vs. "ehrenamtlich" bzw. "hauptberuflich" vs. "ehrenamtlich" oder "entlohnt tätig" vs. "unentgeltlich tätig" zu markieren. Professionell arbeiten hoffentlich beide! Das Gegenteil von professionell wäre unprofessionell. Es gibt unprofessionell arbeitende Menschen auch bei den Hauptamtlichen.
Natürlich weiß ich um die Fragen, die damit für die Hospizbewegung verbunden sind. Gerade großen Vereinen wird die "Professionalisierung" oft zum Vorwurf gemacht. Aber damit ist eben gerade nicht (nur) gemeint, dass dort zu viele Hauptamtliche arbeiten. Da ich im Vorstand des Bayerischen Hospizverbandes bin, weiß ich, wovon ich rede. Oft wird mit diesem Vorwurf auch die zunehmende fachliche Verbesserung angegriffen – z.B. Standards für Supervision! – die man ablehnt. Manche denken immer noch, es genügt ein "großes weites Herz" zu haben, wie es PAUL SPORKEN einmal ausgedrückt hat. Ich unterscheide also bewusst nicht "ehrenamtlich" von "professionell".
Ich unterscheide lieber professionelles von unprofessionellem Handeln. Profis brauchen beides: Praxisbegleitung (später dann eher Fortbildung) und Supervision. Und Profis sind beide: Ehrenamtliche und Hauptamtliche. Hoffentlich!

Lassen Sie mich weitere Differenzen in den Settings benennen. Diese Unterschiede sind nicht nur Zeichen bunter Vielfalt, sondern auch Ausdruck unterschiedlicher Zielsetzungen und Aufgaben von Supervision.
Es gibt Supervision durch externe oder durch interne Supervisorinnen. Ob das eine oder das andere besser ist, darüber wurde lange ausführlich gestritten. Der Streit flaut gegenwärtig aber ab, wenn ich die Fachliteratur richtig interpretiere. Für unseren Kontext sage ich später mehr dazu.

Es gibt Supervisionen, die mit der Leitung eines Teams stattfinden. Es gibt aber auch das Gegenteil: Supervision eines Teams bewusst ohne die Leitung. Für beides kann es Gründe geben.

Man unterscheidet fernen generell Einzelsupervision, Teamsupervision und Gruppensupervision. Ambulante Pflegedienste werden vielleicht die Teamsupervision kennen. Hospizhelfer kennen eher die Gruppensupervision.

Bei den Arbeitsweisen und Inhalten unterscheiden wir die Fallarbeit von der Arbeit an Themen des Teams oder der Gruppe. Fallarbeit meint die Reflexion konkreter Klientenfälle oder Hospizbegleitungen. Teamsupervision hat oft mit der Zusammenarbeit im Team, mit Konflikten oder Arbeitsabläufen zu tun. Gelegentlich spielen auch Fragen der Gesamtorganisation in die Supervision hinein. Dann wird es für mich spannend, weil die Kunst darin besteht, mit dem Team zu erarbeiten, was ihre ureigenen Fragen und Konflikte sind und was sie – quasi stellvertretend – für die Institution oder den Verein erleiden oder austragen. Haben wir dies identifiziert, ist die Frage meist, ob statt der Supervision nicht ein Beratung der Organisation angemessen wäre. Zumindest müssen die Themen getrennt werden. Sonst bohrt man im falschen Zahn – was selten etwas bringt.

Wichtig für all diese verschiedenen Formen der Supervision ist ein klarer Kontrakt. Beide Seiten müssen von Anfang an benennen können, worum es in der Supervision gehen soll und wie gearbeitet wird. Damit wird Supervision verlässlich.

Neben den verschiedenen Settings und den unterschiedlichen Fokusbildungen gibt es auch Unterschiede in der Methode. Dabei spielt die Herkunft der Supervisorinnen eine Rolle. Es gibt Anbieter von klassischer Balintgruppenarbeit und Transaktionsanalytiker. Es gibt Psychodramatikerinnen und Analytiker, es gibt Vertreter der Gesprächspsychotherapie, der lösungsorientierten Gesprächsführung und der Verhaltenstherapie. Es gibt systemisch denkende und körperorientiert arbeitende Supervisoren. Es gibt Supervision auf der Bühne und im Rollenspiel und es gibt Krisenberatung für Notsituationen.
All das gibt es und meistens findet man eine Mischung aus mehreren Elementen vor. Wie im richtigen Leben.
Daher nochmals meine Betonung des klaren Kontraktes und der Achtsamkeit gegenüber dem Ziel von Supervision: dem Lernen der Supervisanden um einer authentischen und angemessenen Praxis willen.

2. Merkmale des Supervisionsprozesses

Supervision ist ein zeitlich begrenztes Unternehmen. Dies ist wichtig, weil diese Begrenzung Perspektive schafft und Ressourcen mobilisiert. Es muss beiden Seiten klar sein, dass wir nicht ewig Zeit haben. Daher sind die einzelnen Sitzungen zeitlich begrenzt und die Zahl der Sitzungen auch. Dort, wo wir es mit regelmäßiger Supervision zu tun haben (also z.B. "jeden dritten Mittwoch im Monat"), hat es sich bewährt, die Supervisorin zu wechseln. Oder die Teilnehmer der Gruppen fluktuieren und wechseln und der Supervisor trifft Begrenzungsvereinbarungen: Dann wird nach jeweils einem Jahr ein Bilanzgespräch mit der Gruppe angesetzt. Da können Veränderungen oder auch eine neue Gruppenzusammensetzung besprochen werden. Wichtig ist, dass nicht die gleiche Gruppe mit der gleichen Supervisorin endlos arbeitet. Die dann entstehende Dynamik verhindert m.E. effektive Supervision. Die Matrix der Gruppe – das ist ein gruppendynamischer Fachausdruck für die Gesamtheit der Gefühle, Wahrnehmungen und Beziehungen in einer Gruppe – diese Matrix wird zu starr, wenn eine Gruppe zu lange zusammen ist. Was man voneinander weiß, weiß man längst und was verdeckt war über all die Jahre, das bleibt jetzt erst recht verborgen. Ein Wechsel des Supervisors aber bringt oft ganz unerwartet Bewegung in eine Gruppe und erweitert die Wahrnehmungsfähigkeit. Natürlich tut Abschied weh. Aber die Hospizhelferinnen sind ja auch deswegen in Supervision, um ihren Umgang mit Abschied offen auszutragen.
Und der Supervisor und sein Schmerz? Nun, er wird bezahlt. Das ist sein Berufsrisiko. Supervision ist ein zeitlich begrenzter Prozess.

Wenn Sie mich nach dem Kern dessen fragen, was den Prozess der Supervision ausmacht, dann verweise ich auf zwei Dinge: Den "haltenden Rahmen" und das "Spiegelphänomen des Parallelprozesses". Beides will ich kurz erläutern.
Unter dem "haltenden Rahmen" verstehe ich die Gewährleistung einer sicheren und verlässlichen Umgebung, in der die Supervision stattfindet. Diese Sicherheit ist recht leicht zu gestalten, erfordert aber Disziplin vom Supervisor. Die Sitzungen finden möglichst am gleichen Ort, zur gleichen Zeit und in bekannter Zusammensetzung statt. Sie beginnen und enden pünktlich.
Die Tür ist geschlossen und die Gruppe weiß, auf welches Ziel und auf welche Methodik sie rechnen kann. Eine ritualisierte Anfangsrunde sichert zu, dass jeder seine Befindlichkeit und sein Anliegen nennen kann. Klare Absprachen, was wir heute bearbeiten werden, helfen genauso, wie eine gleichmäßige Aufmerksamkeit der Supervisorin für alles und jeden. Störungen von außen werden verhindert, soweit das geht. Störungen in der Gruppe werden nicht übersehen, sondern benannt und ggf. bearbeitet, was im Anfangskontrakt mit den Supervisanden benannt und vereinbart werden muss. So entsteht ein verlässlicher und sicherer Rahmen, der es ermöglicht, auch schwierige Themen anzusprechen oder sich einmal fallen zu lassen. Ich lege viel Wert auf diesen Rahmen, der in der analytischen Theorie auch als "container" oder "containment" bezeichnet wird8.

Das zweite bedeutsame Phänomen habe ich als Parallelprozess bezeichnet. Ich bin so gut wie nie enttäuscht worden, wenn ich damit gerechnet habe, dass sich das vorgetragene Problem oder der gerade behandelte Fall in irgend einer Weise auch in der Supervisionssitzung selbst abbildet und wiederholt. Die Dynamik, von der ein Supervisand berichtet - und die er vielleicht nicht versteht – spiegelt sich irgendwann in der Gruppe, die den Fall gerade bespricht. Darauf kann man fast wetten! Natürlich habe ich als Gruppendynamiker hierfür einen besonderen Blick entwickelt. Aber ich denke, andere Kolleginnen werden dieses bestätigen: Immer wieder tauchen in der Gruppe oder der Einzelsupervision ähnliche Konflikte oder Abwehrmechanismen oder Wahrnehmungen oder Konstellationen auf, wie sie auch vom Supervisanden aus seiner Praxis gerade berichtet werden. Ich erlebe Supervision häufig als Reinszenierung. Sein Drehbuch bringt der Supervisand lebendig in die Supervisionssitzung ein. Hier ähnelt Supervision wohl am stärksten der Therapie. Natürlich geschieht dies unbewusst. Dennoch ist es oft überdeutlich sichtbar. Manchmal schreit der Verlauf einer Sitzung geradezu danach, wahrgenommen zu werden. Ich wechsle dann in die Metakommunikation und frage nach, was hier und jetzt gerade passiert. Wenn wir das festgestellt und besprochen haben, dann wird fast von selbst deutlich, worum es in dem Fall oder der Frage geht, die jemand mitgebracht hat. Der Helfer, der aus einer Begleitung berichtet, ist derselbe auch heute in der Supervision. Niemand kann aus seiner Haut.
Seine Gefühle, seine Deutungen, sein Verhalten bringt er mit. Und nur sie haben wir live! Alle Berichte – seien sie noch so genau – bleiben Berichte. Zweite Hand. Darum lege ich so viel Wert auf das "Hier und Jetzt". Wenn Supervision erfolgreich ist, dann meist deshalb, weil die Supervisanden im Hier und Jetzt ihre Gefühle spüren und verstehen.
Wahrnehmen, Verstehen und Verändern sind der Schlüssel zu neuer Praxis, sind der Kern des Lernens in der Supervison. Supervision ist also "Wieder-Erkennen" in der vollen Wortbedeutung.

Ein Wort zur Gruppe ist jetzt wichtig. Aus dem bisher Gesagten wird verständlich, welchen Wert sie hat. Sie dient nicht nur dazu, eine vertraute Basis herzustellen, auf der eine Supervisandin von ihrer Arbeit, ihren Fragen und Sorgen und Zweifeln sprechen kann. Die Gruppe stellt zugleich den Nährboden dar, auf dem Ideen, Anregungen und Lösungen wachsen. Die Gruppe ist der eigentliche Supervisor. Ich sorge nur für den Rahmen. Das hat nichts mit falscher Bescheidenheit zu tun. Es ist ein Erfahrungswert. Verantwortung bleibt dem Supervisor genug. Aber bestimmt nicht die Verantwortung für die richtige Lösung eines Supervisionsanliegens. Ich zitiere dazu einen Satz von STEVE DE SHAZER, den er uns Supervisoren ins Stammbuch schreiben könnte: "Wer eine Lösung oder Hypothese hat, soll zwei Aspirin nehmen, sich in eine Ecke setzten und warten, bis der Anfall vorbei ist"9. Natürlich mische auch ich in einer Supervisionssitzung mit. Auch ich gebe Deutungen zum besten oder schlage sogar mal eine Lösung vor. Das passiert mir immer wieder. Aber für der Weisheit letzten Schluss halte ich das nicht! Oft höre ich von ehrlichen Supervisanden, dass meine Anmerkungen zwar hilfreich waren, aber letztlich nicht der Clou des Ganzen. Viel wichtiger scheint zu sein, was sich in der Gruppe abspielt, wie sich ein Supervisand mit seiner Frage aufgehoben fühlt, ob die Beziehung stimmig ist, ob er sich wieder erkannt und getragen fühlt und ob er Neues ausprobieren und Ideen mit nach Hause nehmen kann. In der Gruppe spielt die Musik – dort entstehen Antworten und Lösungen. Welche dann passen, das kann eh nur der Supervisand entscheiden. Die Supervision hat dazu vielleicht beigetragen – mehr aber nicht. Diese Erkenntnis macht uns Supervisoren demütig – und sie entlastet. Auch die Supervisanden, die zu Beginn vielleicht alle Weisheit und alle Antworten von der Supervisorin erwarten, werden früher oder später die Autonomie schätzen, die ihnen zugetraut wird.
Supervision ist somit immer auch ein emanzipatorisches Unternehmen. Mich machen Supervisoren, die alle Lösungen kennen, eher misstrauisch. Auch in meiner eigenen Balintgruppe, die ich regelmäßig besuche, höre ich mir begierig die Vorschläge der Leiterin an, wenn sie welche macht. Aber Einsicht und Mut und Neues entstehen oft später und an ganz anderer Stelle im Prozess.
Meine Fragen verlangen nach meinen Antworten.

So geht es beim Prozess der Supervison um ein Wechselspiel zwischen der Innenwelt der Supervisanden und der Außenwelt der Supervisionssituation. Beides zusammen prägt den Prozess. Dabei trägt der Supervisor große Verantwortung. Über den Rahmen hinaus sollte er einen Blick für die Dynamik der Gruppe haben. Er sollte auch - und hier gehen die Theorien etwas auseinander – keine Scheu haben, die Dynamik anzusprechen, wenn dies dem Lernen dient. Ich plädiere sehr dafür, Störungen in der Gruppe anzusprechen. Ich benenne Konkurrenzen und Kränkungen, wenn ich sie wahrnehme. Ich benenne Machtkämpfe und Rückzüge, wenn sie spürbar sind. Ich fasse manches in Worte, was offensichtlich ist, aber nicht angesprochen wird. Ich vertraue darauf, dass nichts ohne Grund und Bedeutung geschieht. Ich will wissen, was hier und jetzt gerade passiert. Ich traue der Gruppe zu, dass sie auch unbewusst die richtigen Signale setzt. Manches wird zu einem Schatz, wenn es ins Bewusstsein gehoben wird. Anderes versperrt sich dem Zugriff - und dann soll es so bleiben. Würde ich diese Dinge aber übersehen oder übergehen, hülfe uns das wenig. Wirksam sind solche Gefühle oder Vorgänge ja sowieso. Was nicht "auf den Tisch kommt", rumort dann ggf. "unter der Decke" weiter. Ich mache lieber klar, dass ich keine Angst habe, die Dinge anzusprechen. Das ist mir bisher selten übel genommen worden. Im Gegenteil: Wenn wir als Gruppe keine Angst haben vor dem hier und jetzt, dann muss der Supervisand draußen, in seinem Arbeitsfeld, in der Beratung, am Sterbebett oder wo auch immer auch keine Angst haben! Gerade Hospizhelfer oder Ärztinnen oder Pfleger stehen gelegentlich vor der Frage "Darf ich jetzt ansprechen, was Sache ist oder was spürbar im Raum lastet?" In der Supervision kann man üben, dass es geht und erlaubt ist und weiterführt. Reden hilft! Manchmal muss man dazu ermutigt werden oder braucht ein Vorbild.
So gesehen lernt man in der Supervision sehr direkt für die Praxis – durch eine Erfahrung, die man als Supervisand am eigenen Leib macht.
Ich übe in der Supervision ein, die Dinge anzusprechen. Ich höre von meinen Supervisanden, dass dies in der Praxis ein wertvolles Instrument der Begleitung sein kann.

Soviel nun zum Prozess der Supervision: Ich fasse diesen Abschnitt zusammen, indem ich ein Zitat von NORBERT FLAMME etwas verändere: "Zusammenfassend gilt es, sich im Prozess der Supervision anlässlich aktualisierter Probleme auf die Ressourcen fördernde, aktive und klärende Bewältigung von interpersonalen und intrapsychischen Handlungsfunktionen der Supervisanden zu konzentrieren"10.

3. Abgrenzungen und Konturen

Damit, meine Damen und Herren, zeigen sich langsam Konturen. Diese verstärke ich jetzt, wenn ich Supervision deutlich abgrenze.
Wir haben gesehen, Supervision ist nicht identisch mit Coaching. Supervision ist auch keine Praxisbegleitung. Supervision ist ein eigenes Format. Damit mache ich auch klar, dass z,B. im Rahmen eines Hospizes die Einsatzleitung und die Koordination einen anderen Aufgabenbereich abdecken und eine andere Rolle verlangen. Ich werde darauf nicht weiter eingehen. Aus den bisherigen Ausführungen zum Supervisionsprozess sollte dies offensichtlich geworden sein.

Noch klarer sind die folgenden Abgrenzungen:
Supervision ist nicht Fortbildung, sie ist nicht Selbsterfahrung und sie ist keine Therapie oder Therapieersatz.
Natürlich wird gute Supervision auch bilden. Aber Fortbildung hat ein anderes Ziel und bedarf anderer Rahmenbedingungen.
Natürlich wird Supervision auch die Selbsterfahrung der Supervisanden fördern. Das kann ich gar nicht vermeiden. Aber das ist ein Effekt – nicht das vereinbarte Ziel. In der Supervision geht es um Lernen und um die Rollengestaltung des Supervisanden in seinem Praxisfeld.
Schon gar nicht darf Supervision mit Therapie verwechselt werden. Therapie ist nicht Gegenstand der Vereinbarung. Eine gewisse therapeutische oder diagnostische Kenntnis mag der Supervisorin helfen, ihre Supervisanden zu verstehen. Aber mehr nicht. Therapeutische Vermutungen behalte ich für mich. Es sein denn, ich werde sehr direkt vom Supervisanden gefragt. Auch dann gebe ich keine Diagnose; aber ich verweise doch darauf, dass hier offensichtlich ein Thema anklingt, mit dem in einer Therapie gearbeitet werden könnte. Aber nicht hier in der Supervision! Dies Abgrenzung schulde ich mir und den Supervisanden. Die Gefahr, aus einem Vertrauensverhältnis heraus übergriffig zu werden, ist groß. Es kann ohne Übertreibung als Missbrauch bezeichnet werden, wenn Therapie betrieben wird, wo Supervision vereinbart ist. Die Abgrenzung ist oft eine Frage der Disziplin beider Seiten – die Verantwortung aber trägt der Supervisor, weil die Beziehung asymmetrisch ist.
Damit will ich sagen, dass in der Supervison die Versuchung für den Supervisanden groß sein kann, sich mehr hinein zu geben, als er geplant hat. Das muss der Supervisor im Blick haben und aufpassen, wenn Grenzen berührt werden. Hinterher wäre der Supervisand sonst verwirrt und beschämt und hätte das Gefühl, in etwas hineingeraten zu sein, was er gar nicht vorhatte. Nicht selten bieten Supervisanden das geradezu an: Hilf mir! Verändere mich! Rette mich! Mach mich besser! Therapiere mich! Das kann für mich eine schmeichelnde Verlockung sein. Aber es wäre falsch. Hier ist Abstinenz angesagt.
Soviel zur Abgrenzung von Supervision von anderen Verfahren.

Ein Frage ist noch offen: Wie verhält es sich bei Supervision mit dem Auftragsdreieck? Ich bin als Supervisor ja nicht nur meinen Supervisanden verpflichtet sondern auch dem, der mich bezahlt. Wenn ich nur Supervisandinnen hätte, die privat bezahlen, wäre das keine Frage. Aber die meisten Supervisionen werden dritt-bezahlt – vom Verein, von der Firma, von der Behörde. Das muss ich ernst nehmen. Als Supervisorin diene ich damit quasi "zwei Herren". Das wird in unserem Fach gelegentlich verleugnet, ist aber Tatsache. Als Theologe hat mich das immer beschäftigt. Ich kann doch nicht "zwei Herren dienen". Seit ich als innerbetrieblicher Supervisor für die Diakonie arbeite, habe ich hier eine erweiterte Sicht der Dinge gewonnen. Diese bewährt sich auch bei Aufträgen, die ich als Externer durchführe:
Die Supervisanden und ihr Arbeitgeber lassen sich nicht einfach spalten! Sie sind viel mehr eins – mehr als ihnen das manchmal bewusst und lieb ist! Die Mitarbeiterinnen einer Sozialstation gehören mit ihrer Chefin zusammen; die Hospizhelferin und ihre Einsatzleitung oder Vereinsvorsitzende leben nicht in getrennten Welten; der Krankenpfleger und seine Heimleiterin gehören zum selben Haus. Und dem ist die Supervision verpflichtet. Daher sprechen wir vom Dreiecksauftrag zwischen Supervisorin – Supervisanden und Organisation. Daher ist Supervision immer auch eine Kontrollmaßnahme und eine Aktivität der Firma, selbst wenn diese im eigentlichen Prozess gar nicht aufzutauchen scheint. Die Organisation ist Teil des Geschehens. Es wird durch Absprachen zur Schweigepflicht und Vertraulichkeit natürlich zu klären sein, was "unter uns" bleibt und was ggf. von den Supervisanden selbst als Ergebnis der Supervison auch veröffentlicht wird.
Es wird sensible Bereiche geben, wo es wichtig ist, dass die Supervisorin zusagen kann, Inhalte aus der Supervision nicht weiterzugeben. Wenn das nicht geht, wird sie den Auftrag hoffentlich nicht annehmen. Aber niemals kann eine undurchdringliche Wand zwischen Supervisanden und deren Arbeitgeber postuliert werden. Als Supervisor würde ich damit einer Spaltung unterstützen, deren Bearbeitung wahrscheinlich das eigentliche Thema wäre. Ich habe es mir abgewöhnt zu versprechen, dass "niemand etwas von dieser Supervision erfährt". Ich plädiere für Offenheit, soweit es geht. Meine Supervisanden wissen, dass nichts aus der Supervision herausdringt, was nicht abgesprochen ist Sie wissen aber auch, dass ich regelmäßig Besprechungen mit dem Chef oder mit dem Hospizverein habe, in denen ich über Entwicklungen und Tendenzen in der Supervision spreche. Ich zitiere dazu aus einem Arbeitspapier eines Hospizvereins, was prinzipiell aber von jeden Auftraggeber gefordert werden könnte: "Die Einsatzleitung hält regelmäßig Kontakt mit den Supervisoren und lädt nach Bedarf ... zu einem Austauschgespräch ein ... .Die Supervisoren benachrichtigen die Einsatzleitung, wenn schwerwiegende Probleme auftauchen, sei es in der Gruppe oder bei einzelnen HospizhelferInnen. Letzteres ist nur nach Rücksprache mit den beteiligten Hospizhelfern möglich."11
Diese Einbindung erwarten übrigens alle Seiten. Es ist dies eine zentrale Aufgabe der Supervision, wenn sie nicht ungenutzt verpuffen soll. Auch dafür werde ich bezahlt.

Soweit nun die allgemeinen Erläuterungen zur Supervision und zum Supervisionsprozess.

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(III) Was leistet Supervision für die Hospizarbeit?

In diesem Teil des Vortrages muss nun nicht mehr alles wiederholt werden, was bisher ausgeführt wurde. Ich habe ja zunächst allgemein über Supervision gesprochen. Aber das meiste davon kann natürlich auch auf dem Hintergrund von Supervision in der Hospizarbeit gesehen werden. Ich habe ja schon Beispiele aus diesem Feld eingestreut. Manche meiner Einsichten habe ich auch speziell in den acht Jahren gewonnen, die ich nun schon für Hospizvereine Supervision anbiete.
Ich werde im Folgenden einige wichtige Punkte wiederholen und pointieren und andere Details erst jetzt thematisieren. Ich bitte Sie also, das bisher Gehörte im Hintergrund mitzudenken.

Supervision bietet Hospizhelfern und Palliativfachkräften einen verlässlichen und sicheren Rahmen, innerhalb dessen sie geschützt - und somit "ungeschützt"! – über ihre Arbeit und ihr Erleben im Hospizeinsatz sprechen können. Das ist ein hohes Gut. So wie sie am Sterbebett oder in der Familie oft Stütze, Anker oder Offenes Ohr für Bedrohliches, für Unaussprechliches und für Furchterregendes sein müssen, so brauchen sie selbst solche Stütze und Halt. Jetzt, in der Supervision, geht es um sie und ihre Rolle in der Praxis. Jetzt sind sie dran. MICHAEL SPOHR macht daher zurecht geltend, dass auch in der Supervision die drei Grundprinzipien der Gesprächshaltung wichtig sind: "Empathie, Akzeptanz und Echtheit sind Einstellungen und Haltungen und Verhaltensweisen, deren 'Effizienz' in der Sterbebegleitung allgemein Zustimmung findet. Was aber für die Begleitung der Schwerkranken gilt, das gilt in gleichem Maße für die Begleiterinnen. Ihre Befähigung und Begleitung orientiert sich ebenfalls an den 'drei Grundhaltungen'."12

Supervision in der Hospizarbeit ist im guten Sinne ein Wiedererkennen. Im Prozess der Supervision entdeckt der Hospizhelfer nicht nur, was es mit seinen Patienten auf sich hat, sondern auch, was mit ihm in dieser oder jener Situation geschehen ist. Er entdeckt es, weil er in der Gruppe "er selbst" sein darf und kann. Gleichzeitig ahnt er dadurch, dass auch sein Patient in seiner Begleitung "er selbst" sein darf und kann. Nicht der Helfer stirbt, sondern der Patient.
Hospizbegleitung ist immer auch eine Übung im Lassen. Das ist nicht einfach. Supervision stellt den Ort zur Verfügung, an dem dieses Geschehen quasi von außen betrachtet werden kann. Supervision ist Auszeit für den Supervisanden. Sie ist gesunde Einübung in Selbstdistanz.
Das scheint paradox zu klingen, wo wir in der Vorbereitung und Ausbildung doch lernen, uns "voll und ganz hinein zu geben" und uns einzulassen. Da lernen wir: einfühlen – mitgehen – sich selbst hintanstellen – uns zuwenden – ganz dabei sein. Und dann sind wir drin. Mittendrin! Verwickelt! Oft viel zu weit und viel zu tief. Supervision kann der Ort sein, der uns wieder herausholt.
Ich sage "wir", weil das auch für den Supervisor und seine Supervision gilt. Supervision benennt Grenzen und rettet vor ent-Grenzung. Das geht gerade deshalb, weil der Supervisand im Mittelpunkt der Supervision steht. Indem die Supervisorin und die Gruppe auf den Supervisanden blicken und ihm den Spiegel anbieten, helfen sie ihm. Es geht um Abstand und Entflechtung, während im Einsatz die Verwicklung in den Fall passiert. Von der ver-Wicklung zur ent-Wicklung. Das ist Supervision. Sie übt Distanz ein.

Supervision – jetzt denke ich noch mal an den Affen auf dem Baum – Supervision steigt also kurzfristig aus dem Geschehen aus und betrachtet es von oben. Darum ist auch eine Supervisorin dabei, die mit dem Patienten selbst nichts zu schaffen hat. Auch die Gruppe kennt den speziellen Fall und die konkreten Personen i.d.R. nicht persönlich. Aber sie kennt den Supervisanden. Im Raum der Supervision wird der Fall dann lebendig – wie auf einer Bühne. Die Erkenntnis, dass es eben nur eine Bühne ist, entlastet. Sie eröffnet Spielräume. Für mich ist diese Fähigkeit zur Selbstdistanz eine wichtige Frucht von Supervision.

Supervision verändert den Blickwinkel. Sie fragt bei der Betrachtung einer Fallgeschichte bewusst provokativ: "Könnte es nicht auch ganz anders sein?". Damit nimmt sie in den Blick, was bisher nicht im Vordergrund stand. Sie fragt aber auch "was macht der Hilfesuchende mit dem Helfer?". So wird erreicht, dass die Situation der Sterbenden oder ihrer Familie für einen Augenblick ausgeblendet werden kann.
All dies dient der Stärkung der Hospizmitarbeiter und der Qualität ihrer Arbeit. Es nimmt ernst, dass die Helfer nur ihre Person als Werkzeug ihrer Arbeit mitbringen. Diese Person und ihr Lernen sind der Fokus.

Supervision stärkt und fördert die emotionale Kompetenz von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit. Neben dem Erzählen der Fakten und Erlebnisse spielen die Gefühle eine wichtige Rolle. Ich frage explizit immer wieder danach. Die Gefühle des Erzählers sind mir dabei genauso wichtig, wie die der Zuhörer. Alle Gefühle im Raum gemeinsam formen ein Bild. Sie bilden eine Schicht der Wahrheit, sind eine Art Teppich auf dem sich das Thema bewegt. Auch meine Gefühle oder Gegenübertragungen gehören dazu. Auch sie haben – im günstigsten Fall – etwas mit den Supervisanden oder dem momentanen Prozess zu tun. Die Gefühle helfen uns, zu verstehen. Sie sollen und können einbezogen werden als wichtige Kräfte und aussagekräftige Indizien für unser wahres Erleben. Sie begleiten die Worte und werden auch in Worte gefasst, wenn es geht. Dadurch wird das Bild der Situation vollständig und lebendig. Ich habe oft erlebt, dass ein Supervisand aus seiner Praxis eigentlich weniger die Fakten und Ereignisse als viel mehr die Wirkungen, Eindrücke und Gefühle in die Supervision mitbringt. Sie wollen erkannt und benannt und ausgehalten werden. Supervision übt dies ein. Das ist direkt in die Praxis umsetzbar.

Ein ganz anderer Punkt: Supervision lehrt die Hospizbewegung, mit Kontrollverlust umzugehen. Lassen Sie mich dies kurz erläutern:
In der Anfangszeit vieler Hospizinitiativen waren es einige wenige engagierte und dominierende Personen, die einen Verein aufgebaut, die Vorbereitung der Helfer organisiert, die Einsätze koordiniert und gelenkt und die Helfer begleitet und geführt haben. Sie waren wichtige Integrationsfiguren und manchmal richtige "Übermütter" oder "Überväter". Mit zunehmender Aufteilung und Verfeinerung der Aufgaben, wirkten zusätzliche und externe Personen mit. So auch die Supervisoren, die i.d.R. von außen zugezogen werden. Damit geht ein Verlust an Kontrolle einher. Nun weiß der Vorsitzende nicht mehr alles! Vielleicht ist das ein Grund, warum Supervision manchmal argwöhnisch betrachtet wurde. Ich kann diese Angst gut verstehen. Aber Kontrolle ist nicht alles und ein wenig kann man ja durch die oben beschriebene Rückmeldung vom Supervisor noch erfahren. Aber ein Verlust ist es allemal. Ich denke, dies kann in der Hospizarbeit nicht genug gelernt werden: der Umgang mit Verlust und Loslassen. Auch so also trägt Supervision zum Lernen bei – allein dadurch, dass es sie als eigenständige Größe im Verein gibt!

Ein letzter Punkt: Supervision lehrt Hilfe anzunehmen und beim Helfen gnädig zu sein. Supervision ist unerbittlich, wenn es um das Aufdecken von Motiven geht, warum jemand helfen will oder gar glaubt helfen zu müssen. Dies ist oft ein unangenehmer aber stets ein emanzipatorischer Aspekt von Supervision. Sie dient den Hospizhelfern auf diese weise sehr intensiv. Ich schildere Ihnen dazu ein Szene aus einer Supervision in München Anfang September:
Eine Hospizhelferin aus einer Palliativstation erzählt, dass es manchen Menschen sehr schwer fällt, sich helfen zu lassen. "Gerade Männer sind da ein schwieriger Fall. Da war einer, dem lief das Essen aus dem Mundwinkel und er wollte sich das nicht abwischen lassen. 'Nein, das mache ich selbst', sagte er immer und ließ mich nicht. Furchtbar! Aber ich habe einen Trick. Ich gehe dann raus und da denken die dann schon drüber nach. Und dann habe ich nach einer halben Stund wieder reingeschaut und da war er ganz freundlich und ließ sich helfen. War doch besser für ihn! Den kann man doch nicht so lassen."
Und in der selben Sitzung erzählt sie noch, dass es ihr ganz unverständlich ist, wenn die Leute nicht wahrhaben wollen, dass sie unentgeltlich arbeitet:
"Die fragen dann immer 'und was bekommen Sie?'; und ich sage dann, dass ich nichts bekomme und hier umsonst arbeite; und die wollen mir dann nicht glauben, dass sie mir nichts schuldig sind ... die sind oft schwierig!"

Nun, Sie können sich denken, dass wir damit Themen für diese Supervisionssitzung hatten! Ich rechne es der Hospizhelferin hoch an, dass sie dies erzählt hat. Damit hat sie instinktiv eine problematische oder zumindest ambivalente Situation ans Licht gebracht, um sie betrachten zu lassen. Was für mich an dieser Sitzung so spannend war, passierte erst nach der eigentlichen Fallarbeit. Es kam dann nämlich zu einer kurzen Diskussion über Schuld und schuldig bleiben, über helfen und Hilfe annehmen, über geben und nehmen und über die damit verbundene Ungleichheit in der Beziehung. Die ganze Gruppe erkannte und spürte, dass die Rolle des Helfer immer eine Machtposition ist.
Wir kamen sehr behutsam darauf, welche psychodynamische Überlegenheit der Helfer mitbringt und wie demütig man wird, wenn man sich dies eingesteht.
Man kann das ja nicht prinzipiell ändern. Aber man kann es erkennen - und dann vielleicht etwas gnädiger sein in der Frage des Helfen müssens. Und man kann verstehen, warum es Menschen unangenehm ist, wenn Hospizhelfer kostenlos kommen und sie ihnen gar nichts, aber auch gar nichts Gutes tun oder gar zurückgeben können für die Wohltat der Begleitung. Das war eine sehr lehrreiche und anrührende Supervisionsstunde. Wir konnten sogar noch kurz darüber sprechen, wie es den Hospizhelfern damit geht, das sie in der Supervision Hilfe und Stütze erfahren und annehmen - und dass ich dafür Geld bekomme.

All das kann in einer Supervision-Sitzung passieren.

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(IV) Wie und wo suche ich Supervision? Abschließende Bemerkungen

Lassen Sie mich zum Schluss ein paar Anmerkungen dazu machen, wie Sie als Hospizverein oder Pflegedienst an Supervision kommen.
Ich gehe davon aus, dass sie genehmigt oder gar verlangt ist und bezahlt wird. Über Preise äußere ich mich hier nicht weiter. Supervision hat ihren Preis aber es gibt Schwankungen. Das kann man aushandeln. Es muss klar besprochen werden. Lieber sollte ein Verein mit höheren Kosten rechnen und sich dann freuen, wenn das Honorar günstiger oder der Supervisor kulant ist. Geht man umgekehrt vor, dann kämpft man mit Zwängen, die eine freie Auswahl erschweren. Auch ganz ohne Limit kann man auf die Suche gehen! Echten Wucher wird man schon erkennen, zumal die Hospizbewegung heute gut vernetzt ist und sich die üblichen Summen schon herumgesprochen haben.
Ich gehe also davon aus, dass Geld kein Thema ist. Dann empfehle ich, sich bei Pflegediensten, Sozialstationen, Beratungsstellen und natürlich bei anderen Hospizvereinen in der Region zu informieren: Wer hat bei Euch gute Arbeit gemacht? Wie erreicht man den oder die? So erhält man schon Tipps. Zusätzlich gibt es unter dem Stichwort "Supervision" oder "Supervisorenverzeichnis" im Internet Hinweise auf die großen Fachverbände und ihre Mitglieder.
Es ist ratsam, eine solche Einbindung zu erwarten. Supervision ist eine Qualifikation und für viele KollegInnen sogar ein Hauptberuf. Daher sollte eine Ausbildung und kontinuierliche Weiterbildung beim Supervisor vorausgesetzt werden. Genau dafür können die Verbände eine gewisse Garantie übernehmen. Wenn also jemand in der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR supERVISION (DGsV) oder der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR PASTORALPSYCHOLOGIE (DGfP) oder als Psychotherapeut oder Arzt in seinem Fachverband als Supervisor gemeldet ist, dann erkennt man das meist im Briefkopf oder man fragt nach.
Wenn das gegeben ist, hat man einen weiteren Schritt hinter sich.
Nun folgt das, was sich manche nicht trauen: Probesitzung. Ich plädiere stets dafür, sich ein oder zwei Personen anzuschauen. Vereinbaren Sie ein Probesitzung. Entscheiden Sie erst danach, ob sie mit diesem Menschen als Supervisor oder Supervisorin arbeiten wollen. Vertrauen Sie dabei auf Ihr Gefühl. Es trügt nicht! Supervision verlangt nach Vertrauen und bald auch nach einer gewissen Vertrautheit. Diese entsteht nicht in jedem Fall. Daher sind Probesitzungen wichtig. Ich danke jedem Verein, der mir ehrlich sagt, mit uns wird es nicht klappen. Dann sparen beide sich Seiten Frustration. Auch ich sage übrigens niemals am ersten Abend zu. Auch ich überlege am Tag darauf: Wie war das? Wie hat es sich angefühlt? Kann und will ich mit dieser Gruppe arbeiten?
Wenn beide Seiten aber ein gutes Gefühl haben und der Rahmen stimmt, dann fangen wir an. Zu lange darf das nicht dauern, weil sonst wertvolles Material für die Supervision verloren geht.

Sehr umstritten war über viele Jahre, ob der Supervisor aus dem gleichen Praxisfeld kommen soll oder darf, wie die Supervisanden. Zu viel Nähe und zu viel Wissen verhindert das, was man eine "gesunde Naivität" nennt. Die Nachfragen eines Außenseiters oder einer fachfremden Person sind oft sehr erhellend, weil sie Dinge in Frage stellen, die für alle ganz klar sind. Und das ist dann oft der Punkt: Durch all die Selbstverständlichkeiten, die nie hinterfragt wurde, hat man wichtige Dynamiken oder Fehler übersehen. Es kann also von Vorteil sein, wenn die Supervisorin aus einem ganz anderen Beruf und Umfeld kommt.
Doch ich denke, das hat auch Nachteile. Und diese überwiegen. Eine gewisse Feldkompetenz scheint mir für erfolgreiche Supervision inzwischen unabdingbar. Sonst erzählen mir die Supervisanden – auch unbewusst – die unglaublichsten Geschichten, die ich nicht als verzerrt oder gar unsinnig erkenne, weil ich nichts von der Arbeit und dem Alltag der Supervisanden weiß. Das ist nicht hilfreich. Ich bemerke dann all die Abwehr und den Widerstand nicht und wundere mich nicht über Sachen, die mich eigentlich hellhörig machen müssten. Davor bin ich geschützt, wenn ich z.B. eine Ahnung vom Hospizgedanken, von Hospizbegleitung, von den Strukturen der Hospizbewegung oder ein wenig von Pflege und vom Gesundheitswesen verstehe. Dann weiß ich, wovon meine Supervisanden sprechen.

Viel wichtiger scheint mir, nicht zu sehr mit den Ränken und Strukturen des je konkreten Vereins vermengt zu sein. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich mir dann mit viel Energie den Abstand zum Geschehen einreden und ihn imaginieren oder künstlich herstellen muss. Denn Supervision braucht Distanz, Deshalb sitzt der Affe ja auf dem Baum und schaut von oben auf das Geschehen.
Als jemand, der betriebsintern Supervision in der Diakonie anbietet, weiß ich, wie viel Disziplin das erfordert.
Gerade jungen Vereinen oder solchen, die mal wieder den Supervisor wechseln, empfehle ich den Blick in den Nachbarort. Auch dort findet man Supervisoren. Vielleicht kann der Supervisor aus unserer Strasse dafür bei den dortigen Kollegen die Supervision übernehmen.

Wir sind am Schluss.
Ich hoffe, diese Ausführungen haben deutlich gemacht, dass niemand Angst oder Scheu vor Supervision haben muss. Supervision kann anstrengend oder auch mal frustrierend und schmerzlich sein. Sie ist aber auch erfrischend und ermutigend. Wir haben schon viel gelacht in Supervision-Sitzungen im Hospizverein!
Nein, Angst muss niemand haben. Eher wird mir bange, wenn man Menschen zu Menschen schickt, ohne ihnen supervisorische Begleitung zur Seite zu stellen. Davor habe ich Angst, weil die Dramatik, die dies bedeuten kann, oft über lange Zeit ein stille und unbemerkte Dramatik ist. Und wenn dann der Knall kommt, wenn der Helfer aufgibt, wenn die Begleitung abgebrochen werden muss, wenn sich der Patient beschwert oder wenn der Verein das Gefühl hat, so geht es nicht weiter, dann ist der Kummer oft groß. Das ist schade.
Davor kann Supervision bewahren.
Ich hoffe, für diese lohnende und bereichernde Form einer qualifizierten "Hilfe für Helfer" etwas geworben zu haben.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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Literatur und Anmerkungen:

Literatur zur Supervision gibt es inzwischen in Fülle. Sie hier zu nennen wäre für Laien langweilig und für Fachleute stellenweise auch (man kennt die klassischen Standardwerke).
Literatur zur Supervision im Feld des Palliative Care und der Hospizarbeit gibt es bisher kaum.
Ich habe mich für diesen Vortrag und seine Verschriftlichung entschlossen, vorab die wenigen Schriften zu nennen, die ich direkt dazu verwendet habe und dann in den Anmerkungen nur jeweils kurz die genaue Angabe zu machen.

  • "Organisation – Supervision – Coaching"
    OSC ist eine der führenden Zeitschriften auf dem Supervisionsfeld und erscheint im Verlag Leske&Budrich, Leverkusen; ISSN 1618-808X

  • HERBERT EFFINGER
    Reflexion berufsbezogenen Handelns? Ja, aber wie?
    In: OSC 3/02; S. 245 – 269

  • GERHARD FATZER (hg)
    Supervision und Beratung
    Ed. Humanistische Psychologie; Köln 2000 (9.Auflage)

  • NORBERT FLAMME
    Coaches – Gurus in Nadelstreifen?
    In: OSC 3/02; S. 205 – 215

  • BERNHARD HEILMANN
    Qualitätssicherung am Beispiel von Supervision in der ambulanten ehrenamtlichen Hospizarbeit -- erschienen in einem Reader des Diakonischen Werkes der EKD Hospizarbeit in Diakonie und Kirche – Reflexionen und Konkretionen
    (hg) KOTTNICK; Stuttgart 2002; S. 100 – 105

  • ROSS LAZAR
    Das Verstehen psychodynamischer Prozesse als Aufgabe der Supervision
    In: Wege zum Menschen, Heft 4/Mai 1997,
    Vandenhoeck&Rupprecht, Göttingen; S. 188-213

  • REINHARD MIETHNER (& HERMAN ANDRIESSEN)
    Praxis der Supervision
    Asanger; Heidelberg 1993

  • SEPP RAISCHL et.al.
    Supervision für ehrenamtliche HospizhelferInnen
    Arbeitspapier des Christophorus Hospizvereins, München vom 12.3.2002

  • ASTRID SCHREYÖGG
    Die Differenz zwischen Supervision und Coaching
    In: OSC 3/03 S. 217 – 226

  • MICHAEL SPOHR (†)
    Ausbildung und Begleitung im ambulanten Hospizdienst
    In: DETER/SANDER/TERJUNG (hg) Die Kraft des Personzentrierten Ansatzes – Praxis und Anwendungsgebiete; Köln 1977: S. 113-124

  • JOCHEN STEURER
    Supervision und/oder Praxisbegleitung in der ambulanten Hospizarbeit? Aktuelle Aspekte auf dem Hintergrund der Neufassung von § 39 a SGB V
    Abschlussarbeit im Rahmen der Supervisions-Ausbildung am isp des Rauhen Hauses, Hamburg 2002

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Anmerkungen:

(1) SPOHR S. 120
(2) Das Wort Supervision kommt aus dem Lateinischen. THOMAS KLINK, ein amerikanischer Supervisor, der viele entscheidende Anstöße für das Verständnis von Supervision in der Seelsorgeausbildung gegeben hat, stellt fest, dass der Begriff Supervision zum ersten Mal bei H. ANSLEY in seinem Buch "Epistorium Accadian" 1554 vorkommt. Dort bezeichnet es die Leitung und Kontrolle von gesetzlichen, kirchenrechtlichen oder testamentarischen Prozessen. Ein Supervisor ist einer, "der zum Zweck der Korrektur liest". Dann findet sich der Begriff bei Shakespeare im Othello 1623. Dort wird er in der wörtlichen Bedeutung gebraucht "übersehen, ignorieren". KLINK stellt fest, dass sich diese Themen durchgehalten haben. Es geht bei Supervision um einen Prozess des Lernens und Korrigierens, und um einen Stil der selektiven Zuwendung, die den Elementen gilt, die übersehen werden könnten.
(3) Dazu sehr eindrücklich: MIETHNER, S. 37 – 42
(4) EFFINGER S. 246-263
(5) Siehe dazu SCHREYÖGG, sowie das ganz aktuelle Heft OSC 3/2003
(6) STEURER S. 10/11
(7) siehe dazu STEURER S. 4f
(8) ausführlich begründet und dargestellt bei LAZAR
(9) Zitiert in einer Rezension in OSC 3/2002 S. 297
(10) FLAMME S. 213
(11) Siehe dazu RAISCHL
(12) SPOHR S. 115

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