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Frank Kittelberger
Projektstelle Hospizarbeit
& Fachstelle Supervision
in der Abteilung Altenhilfe
der Inneren Mission München
Gerhart-Hauptmann-Weg 10
82067 Ebenhausen
Telefon: 08178 / 9301-19
Telefax: 08178 / 9301-18
e-Mail: fkittelberger@im-muenchen.de

Vortrag auf der Fachtagung zur Hospizarbeit
der Bayerischen Stiftung Hospiz
am 4. November 2002 in Freising

Vitalisierung von Personen und Organisationen durch die Auseinandersetzung mit dem Sterben.
Womit müssen Einrichtungen und Leitungen rechnen?

Sehr verehrte Frau Ministerin!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Vorträge am heutigen Nachmittag zeichnen sich durch zeilenlange Titel aus. Diese klingen teilweise kompliziert und sind damit ein Spiegel der Thematik, um die es geht. Über Tod und Sterben zu reden ist nicht einfach. Projekte umzusetzen, die sich der Sterbekultur in einem Pflegeheim widmen, kann komplex sein. Nicht ohne Bedacht sprechen wir häufig von der Tabuisierung des Sterbens in unserer Gesellschaft. Damit geben wir zu erkennen, dass wir es mit etwas Unheimlichem und Unfassbarem zu tun haben: dem Tod.
Vielleicht kann man sich solchen Fragen wirklich nur auf Umwegen nähern. Ich werde später noch auf den Sinn und die Bedeutung von Tabus eingehen. Dennoch will ich den etwas umständlichen Titel meines Vortrages zunächst einmal kurz fassen:
Ich werde ihnen von meinen Erfahrungen als Projektleiter erzählen.

Da wir zu dieser Tagung eine Reihe von Informationsmaterialien mitgebracht haben, und da Sie im nächsten Vortrag das Projekt näher kennen lernen, kann ich mir eine weitläufige Darstellung im Moment ersparen. Auch morgen wird in einigen Workshops die Möglichkeit bestehen, Einzelheiten zu erfahren. Lassen Sie mich daher das Projekt nur mit ganz wenigen Sätzen beschreiben:
Vor etwas mehr als zwei Jahren hat die Innere Mission München die "Projektstelle Hospizarbeit" errichtet. Mein Auftrag lautet, die Erkenntnisse und Erfahrungen der Hospizbewegung aufzunehmen und in die Einrichtungen der stationären Altenhilfe zu implementieren. Unsere "Abteilung Altenhilfe" betreibt vier große Alten- und Pflegeheime im Großraum München sowie eine kleinere gerontopsychiatrische Einrichtung in Grafenaschau. Um diese Häuser geht es in erster Linie. Das Projekt hatte ich zu konzipieren und durchzuführen. Dazu habe ich mir aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit in der Hospizbewegung fachkundige Hilfe geholt. Ich konnte aufgrund großzügiger Förderung durch die Bayerische Stiftung Hospiz und die Landeshauptstadt München als Partner das Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung in Wien sowie den Christophorus Hospizverein in München engagieren. In diesem Kooperationsverbund haben wir uns daran gemacht, die Sterbe- und Abschiedskultur in unseren Häusern zu erkunden und über notwendige Maßnahmen der Veränderung und Verbesserung mit den Mitarbeitenden ins Gespräch zu kommen. Dann hat zeitverschoben in den einzelnen Häusern die Implementierung begonnen. Geplant ist, im Jahr 2004 Bilanz zu ziehen und zu sehen, ob und wie sich Palliativbetreuung in der Kultur unserer Häuser niedergeschlagen hat. So viel in aller Kürze.

I) Wir haben festgestellt, dass unsere Alten- und Pflegeheime äußerst vital sind. Es ist ja nicht so, dass man in der Realität tagtäglich die Bilder aus Nachrichtenmagazinen vor sich sieht, wo ein alter Mensch mit gesenktem Kopf und völlig apathisch im Stuhl vor einem Tisch sitzt während im Hintergrund der Fernseher läuft. Solche Bilder gibt es – aber Sie werden viel zu schnell zu Zerrbildern hochstilisiert. Wenn man mit offenen Augen durch ein Altenheim geht, trifft man Mitarbeiter, die emsig über die Flure eilen; trifft man alte Menschen, die sich angeregt mit ihrem Nachbarn unterhalten; trifft man Pflegedienstleitungen, die kreativ darüber nachdenken, welche Fortbildungen für ihre Pflegekräfte an der Reihe sind ... und so weiter und so weiter.
Und nun soll – so der Titel des Vortrags – die Auseinandersetzung mit dem Sterben Menschen zusätzlich vitalisieren?
Ich halte fest: Wir sind schon vital.
Dennoch habe ich Erfahrungen gemacht, die erstaunlich waren.

So haben wir zum Beispiel zu Beginn des Projektes eine Mitarbeiterzeitschrift entwickelt, in der wir Mitarbeitende unserer Häusern über das Projekt informieren. Und was passiert? In einem Altenheim berichtet mir der Heimleiter, dass ich auf jeden Fall genügend Exemplare nachdrucken soll, denn die Bewohner stehen an der Pforte und verlangen "ihre Zeitschrift".

Oder ich erlebe bei meiner Einführung, als ich mich mit dem Satz vorstelle "wir wollen dafür sorgen, dass wir über das Sterben laut und deutlich sprechen dürfen", dass Beifall geklatscht wird.

Oder ich sitze mit Mitarbeitern in einem Arbeitskreis und bekomme gesagt: "Das ewige Jammern in der Pflege bringt doch nichts! Wir wollen uns engagieren."

Oder ich höre aus einem anderen Pflegeheim, dass eine Bewohnerin laut und vernehmlich fordert "ich möchte nicht sang- und klanglos enden". Und darauf hin machen sich die Pflegekräfte und Mitbewohner gemeinsam an die Arbeit und entwickeln ein klangvolles Ritual für die Abschiedsstunde.

Oder neulich, bei unserem Projekttag im September, bereite ich den Saal vor, zu dem Mitarbeitende aus dem Projekt eingeladen sind. Als erste kommt eine Bewohnerin aus einem Altenheim und fragt: "Wo ist meine Konferenz? Ich gehöre zum Projekt!"

Vitalisierung von Personen durch die Auseinandersetzung mit dem Sterben. Ich habe immer wieder erlebt, dass da oft nicht viel "vitalisiert" werden muss. Es geht bei diesem Thema um etwas, was die Menschen unbedingt angeht. Da wollen und werden diese mitreden. Es geht bei den Fragen der Palliativpflege und Palliativmedizin um ein Kernthema dieser Disziplinen. Da werden die Pflegekräfte und Hausärzte nicht zusehen, was ohne sie passiert.
Ich habe, trotz der angespannten Lage in der Pflege, trotz der immer enger werdenden Rahmenbedingungen und trotz der ständig neuen Maßnahmen zum Qualitätsmanagement und zur Dokumentation erlebt, dass ein Projekt wie das unsere Menschen nicht lähmt und verschreckt, sondern ermutigt und zusätzlich vitalisiert.

II) Wo Menschen sich bewegen, bewegen sich auch Systeme.
Wenn Institutionen und Einrichtungen nicht zu starr und rigide geführt sind, verändern und bewegen sie sich ganz zwangsläufig, wenn sich in ihnen Personen bewegen. Diese Bewegung (manche sprechen jetzt vom "Aufwachen" der Institutionen) hat viele Gesichter.

Es beginnt für die einen beim Leitbild. Entweder war es das Leitbild selber, welches bei genauem Hinsehen dazu geführt hat, die Sterbekultur einer Einrichtung in den Blick zu bekommen, oder es waren Begegnungen mit der Hospizarbeit und Fragen nach dem Umgang mit Sterbenden, die einen Blick auf das Leitbild erzwungen haben. Manchmal haben wir auch erlebt, dass wir ein gutes Leitbild schon hatten, aber durch die Beschäftigung mit unserer Thematik dieses Leitbild neu durchbuchstabiert, neu in Erinnerung gerufen und neu interpretiert wurde. Dadurch hat das Leitbild etwas von seinem Aktendasein für uns verloren. Es füllt sich mit Leben. Nicht nur bei diesem Thema – aber hier eben auch.

Ein anderer Zugang zur Vitalisierung der Organisation erschließt sich mir, wenn ich die vielfältigen Kontakte betrachte, die sich durch dieses Projekt ergeben haben. Wir haben es beim Thema Sterbekultur ja durchaus mit einer Qualitätsfrage zu tun, die unter Umständen Marktwert erhalten kann. So wurden und werden Begehrlichkeiten nach Fördermitteln, Konkurrenzen um die beste Betreuung – aber eben auch Synergieeffekte durch Vernetzung, offenen Austausch und weiterführenden Dialog – erkennbar. Sicher ist es so, dass Leiter von Altenheimen sowieso regelmäßig in Kontakt mit ihren Kollegen stehen. Aber viele Vorgänge (von Pflegesatzverhandlungen bis zur individuellen Abmachung mit dem örtlichen Bestatter) passieren innerhalb der Grenzen des eigenen Hauses oder des eigenen Trägers. Palliatives Denken meint aber, vernetzt zu sein. Schon der Kontakt zur Hospizbewegung vor Ort, der für solch eine Arbeit unerlässlich ist, zwingt uns zur Beweglichkeit und zum vitalen Dialog.

Auch das, was wir von der Hospizbewegung lernen, wenn wir Palliativversorgung anstreben, bewegt das System. Schließlich handelt es sich bei dem Thema "Tod – Abschied – Trauer" um ein Querschnittsthema. Damit ist gemeint, dass sehr viele Bereiche im Alltag der Bewohner und im Alltag der Mitarbeitenden von diesem Thema berührt sind.

Es geht ja nicht nur darum, wie ich meinen Aufbahrungsraum gestalte und wann die Namen der Verstorbenen verlesen werden.
Es geht auch darum, wie ich einen neuen Bewohner empfange, wie ich mich seiner annehme, wie ich seine Lebensgeschichte und sein soziales Netz erkunde und wie ich seinen Alltag so gestalte, dass der Tod zwar nicht ständig im Vordergrund steht, aber auch nicht verheimlicht wird. Querschnitt bedeutet, dass es von der Küche bis zum Bestatter jeden betrifft, wie in einem Haus mit dem Sterben und dem Abschied umgegangen wird.

Vitalisierung der Organisation – diese Erfahrung ist greifbar. Wir haben in unseren Häusern festgestellt, dass mit fortschreitender Projektdauer auch eine fortschreitende Vernetzung verschiedener Mitarbeiter im Haus geschieht. Wir haben gemerkt, dass unsere Pflegekräfte in Kontakt kommen mit Pflegekräften von ambulanten Diensten und mit Medizinern der Hospizakademie. Wir haben festgestellt, dass vom Hausmeister bis zum Heimleiter die Menschen in unseren Projektgruppen an einem Tisch sitzen. Wir haben festgestellt, dass Angehörige, die wir selbstverständlich über unser Projekt informiert haben, nachfragen und mitmachen wollen.

Vitalisierung von Organisationen durch die Auseinandersetzung mit dem Sterben. Lassen Sie mich einen weiteren Aspekt hinzufügen, der mir auch erst im Laufe der Zeit aufgegangen ist: Bisher hat häufig das Bild vorgeherrscht, das jemand von Zuhause auszieht und dann ins Heim geht. Gerade so, als wäre das Heim etwas anderes als ein Zuhause. Viele Menschen, die davon sprechen, dass ein Sterben zu Hause und in vertrauter Umgebung angestrebt wird, meinen damit bestimmt nicht das Altenheim. Wir haben eine andere Erfahrung gemacht. Wir stellen fest, das im Zuge des Projektes mehr und mehr darüber nachgedacht wird, dass unsere Alten- und Pflegeheime ein Zuhause sind. Mitarbeiter, Angehörige und Bewohner teilen mancherorts inzwischen die Einstellung, dass ein Sterben im Alten- und Pflegeheim durchaus ein Sterben zu Hause sein kann. Wir glauben sogar: es soll ein Sterben zu Hause sein. Wir werden alles dafür tun, dass die Menschen, die in unserem Hause sterben, sich dort geborgen und zu Hause fühlen. Damit ist aber eine nachhaltige Vitalisierung eingetreten, denn die gedankliche Abspaltung der Wohn- und Pflegeheime von dem, was wir "zu Hause" nennen, wird dadurch deutlich in Frage gestellt.
Vitalisierung von Organisationen. Das hieß für mich als Projektleiter auch, mich auf einen lebendigen Prozess einzustellen. Alle Konzepte, Vorhaben und Pläne galten immer nur solange, bis etwas anderes galt. Der Dialog mit den Betroffenen und der Dialog mit Kollegen hat mich mehr als einmal dazu gebracht, einen Plan zu ändern, ein Vorhaben aufzugeben oder eine Richtung zu wechseln.
Wo ich fertige Antworten hatte, sind plötzlich neue Fragen entstanden. Wo ich eine Maßnahme geplant und ausgearbeitet hatte, wurde plötzlich etwas anderes notwendig und sinnvoll. Palliativversorgung lebt davon, dass wir uns immer wieder auf Situationen, Wünsche und Bedürfnisse einstellen. Unberechenbarkeiten und unlogische Gefühle von Menschen führen dazu, dass sich nicht alles im Detail vorher festlegen lässt. Das macht es manchmal schwierig, aber sorgt auch dafür, dass der Prozess lebendig bleibt. Vitalisierung eben.

III) Womit müssen Einrichtungen und Leitungen rechnen?
Nach zwei Jahren fällt es mir leicht, eine Liste aufzuzählen, womit Leitungen, Träger und Einrichtungen der stationären Altenhilfe rechnen müssen. Niemand wird glauben, dass die Implementierung ohne Folgen und Sorgen bleibt. Es hat seinen Preis, wenn man sich dieser Aufgabe zuwendet. Sehr leicht, meine Damen und Herren, könnte die folgende Auflistung entmutigend wirken. Bitte glauben Sie mir, dass dies nicht intendiert ist. Ich sehe all diese Erfahrungen und Merkpunkte auch als Chancen.

Natürlich muss ich damit rechnen, dass ein Implementierungsprojekt Arbeit macht. Es werden Sitzungen anberaumt, es werden kleinere und größere Projekte durchgeführt, es werden Präsentationen abgehalten und es wird viel Papier beschrieben und verschickt. Das ist zum Teil mein Job, betrifft aber immer auch Andere. Ein Leiter eines Altenheims wird Arbeit bekommen! Die Mitarbeiter werden zusätzlich Zeit investieren müssen. Das machen viele gern wie ich oben zu zeigen versuchte, aber es schlägt sich nieder. Auch finanziell! Dies – ich sage es ganz klar – ist eine Investition des Trägers. Darüber darf man sich nicht hinweg täuschen. Allerdings, auch das sei erwähnt, ist die Investition nicht so hoch, dass die Entmutigung vor dem Gewinn stehen muss. Meist hat sich gezeigt, dass sich solche Gelder und investierten Arbeitszeiten lohnen.

So haben wir zum Beispiel eine hervorragende Fortbildung mit Frau Kojer aus Wien, mit der Hospizakademie in München und mit anderen Referentinnen zur palliativen Geriatrie durchgeführt. Hinterher war niemand da, der wehmütig auf die Unkosten geblickt hätte. Der Gewinn dieser Veranstaltung war fast mit Händen zu greifen.
Arbeit und Kosten sind also zu nennen, wenn man mich fragt, worauf sich eine Einrichtung einstellen muss.

Lassen Sie mich auf andere Aspekte eingehen.

Mir ist der Hinweis wichtig, dass die Implementierung zwar einem Fahrplan folgt, dass dieser aber keinesfalls im Sinne von Arbeitsrichtlinien oder einer Abfolge starrer Schritt und Schemen zu verstehen ist. Wer sich auf einen solchen Prozess einlässt, muss damit rechnen, dass dieser Prozess sich verändert. Die Flexibilität, von der ich schon gesprochen habe, bedeutet auch, dass von der Projektsteuerung bis zur konkreten Maßnahme mit Überraschungen und Unverfügbarem zu rechnen ist. So wie sich das Leben und Sterben von Menschen nicht in Handlungsschemata pressen lässt, so bleibt auch die Aktualisierung und Fokussierung der Sterbekultur immer mit dem "Schönheitsfehler" des Unverfügbarem behaftet. Dies mag im Moment abstrakt klingen, wird aber zur äußerst lebendigen Realität, wenn man einmal merkt, wie ein bestimmtes Vorhaben sich verändert, noch bevor man damit begonnen hat.
Lassen Sie mich einige Beispiele machen:

  • Wir hatten eine Sitzung der Themengruppe Spiritualität mit drei Pflegekräften im Haus angesetzt. Auf Grund der Krankmeldungen und sonstigen Umstände im Haus war dies an diesem Tag nicht möglich. Die Sitzung ist schlicht und ergreifend ausgefallen. Dies war kein Drama, sondern Anpassung an die Realität ungeplanter Ereignisse.

  • Oder: Wir hatten überlegt, ob wir im Qualitätshandbuch des Hauses das Thema Sterbebegleitung in Form von Arbeitsrichtlinien festschreiben. Die Diskussion mit den Mitarbeitern hat an dieser Stelle einen großen Widerstand und berechtigte Scheu gezeigt. Ich habe das Projekt vorläufig abgeblasen. Das ist eine Realität, der man sich beugen muss.

  • Oder: Wir hatten geplant, in einem unserer Häuser nach dem gleichen Schema zu verfahren wie in einem anderen Haus zuvor. Von der Ist- Analyse bis zur Durchführung von Maßnahmen war mein Gedanke, die Schritte einfach zu wiederholen.
    Dies hat in der Projekt- und Koordinationsgruppe zu heftigen Diskussionen geführt. Der drohende Verlust von Synergieeffekten (man muss nicht alles wiederholen) hat dazu geführt, dass wir jetzt in diesem Haus vielleicht anders vorgehen. Vielleicht werden wir Schwerpunkte bilden vielleicht werden wir Schritte abkürzen. Entscheidend war und ist die Bereitschaft in der Projektsteuerung, das Ruder herumzureißen, wenn sich in der Diskussion ein anderer Weg zeigt.

  • Oder: In der vergangenen Woche war ich in unserer gerontopsychiatrischen Einrichtung in Grafenaschau, um die Einbindung dieses Hauses in unser Projekt zu besprechen. Das Haus sollte als letztes in die Planungen und Maßnahmen aufgenommen werden.
    Bei der Analyse der dort gepflegten Sterbe- und Abschiedskultur mussten wir aber feststellen, dass der "Lindenhof", so heißt das Haus, alle Kriterien für Palliativversorgung erfüllt. Diese kleine Einrichtung ist mit den dort herrschenden Gepflogenheiten schon an den Maßstäben des Palliative Care zu messen, ohne dass größere Defizite sichtbar würden. Dies war erfreulich, hat aber den Gesamtzeitplan des Projektes - und v.a. die Rolle dieses Hauses im Projekt! – quasi auf den Kopf gestellt. Jetzt denken wir neu nach, was dies für die anderen Häuser bedeuten könnte.

  • Oder ein letztes Beispiel: Ich habe im Vorfeld dieser Tagung an einem ausführlichen Leitfaden zur Implementierung geschrieben. Er liegt auf dieser Tagung vor. Diese Arbeit war immens schwierig, weil ständig der Balanceakt zu halten war zwischen dem Bedürfnis nach ganz konkreten Anweisungen und Handlungsschritten auf der einen Seite und dem Ernstnehmen des Prozesscharakter auf der anderen Seite. Die Veränderung der Sterbekultur lässt sich nicht in der gleichen Weise Schritt für Schritt beschreiben und abhaken, wie es mit manch anderen Vorgängen in der Pflege oder Führung eines Hauses möglich scheint. Das ist etwas, worauf man sich einlassen und einstellen muss, wenn man sich diesen Prozessen öffnet.

Womit müssen Leitungen rechnen? Sie müssen damit rechnen, dass bei interdisziplinär angelegten Prozessen Sprünge über die Hierarchiegrenzen hinweg zum Alltag gehören. In vielen unserer Themengruppen und bei einigen unserer Maßnahmen arbeiten Mitarbeiter und Bewohner zusammen. In viele Entscheidungen werden Mitarbeiter aus den verschiedensten Bereichen einbezogen. Manche Entscheidungen werden um der Praktikabilität willen weiter nach unten verlagert. Es ist z.B. notwendig, bei einem bestimmten Verständnis von Bezugspflege, Entscheidungen auf der Ebene der Stationsleitung lassen, die in anderen Einrichtungen vielleicht weiter oben gefällt werden. Die Grenzen der Hierarchie sind durchlässig, wenn Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter aus allen Disziplinen zusammen an der Sache mitdenken. Das mag für manche Leitungspersonen ungewohnt sein. Aber darauf müssen sie sich einstellen.

Sie müssen sich ebenfalls einstellen auf eine Würdigung und Wahrnehmung von Ehrenamtlichen. In vielen Häusern geschieht dies schon. Viele Heime leben davon, dass ehrenamtliche Helfer aus den Gemeinden im Haus Dienst tun. Das reicht vom Besuchsdienst bis zum Betrieb der Cafeteria. Doch Hospizhelfer, wie wir sie in der Hospizbewegung ausbilden und verstehen, sind etwas anderes. Sie kommen mit wesentlich mehr Sach- und Fachverstand und einem anderen Rollenbild ins Spiel, wenn sie als integraler Bestandteil von Palliativbetreuung verstanden werden und ihr Dienst in Anspruch genommen wird.
Hospizhelfer werden zu einem Teil des Systems um den schwerkranken und sterbenden Bewohner herum. Hospizhelfer müssen deshalb in das System integriert werden, so weit es der Palliativbetreuung dient. Dies stellt neue Anforderungen an das Profil der Hospizhelfer. Aber es stellt eben auch Anforderungen an die Einrichtung. Es ist noch lange nicht ausdiskutiert, wie genau dieses Profil und diese Anforderungen zu beschreiben sind. Aber sie gehören zu dem, was auf die Häuser zukommt.

Träger, Einrichtungen und Leitungen von Häusern müssen damit rechnen, dass ihnen im Zuge der Implementierung über die Schulter geschaut wird. Ich glaube das ist nicht einfach. Ich vermute, dass manche Widerstände hier ihre Ursache haben. Gerade in Zeiten der angespannten Situationen der Altenpflege, lässt sich nicht jeder gern über die Schulter schauen. All zu leicht werden vermeintliche Defizite sichtbar oder Kritik wird geäußert, wenn ich Anderen Einlass in mein Haus gewähre. Palliativbetreuung aber lebt von Offenheit. Palliativbetreuung lebt von Vernetzung. Palliativbetreuung lebt von Kontakten mit Externen. Palliativbetreuung lebt davon, dass viele mitmischen und manche an Prozessen beteiligt sind, die sonst außen vor blieben. Man muss sich darauf einlassen, dass Neid und Bewunderung, Kritik und unerwartete Anregungen diesen Prozess begleiten.
Man muss sich über die Schulter schauen lassen. Darauf muss man sich einstellen und das muss man riskieren.

Man muss damit rechnen, dass manche Begriffe einer genaueren Definition unterzogen werden. Manches von den, was bisher undefiniert blieb, rückt plötzlich ins Rampenlicht. Mir fällt als Beispiel dafür immer wieder ein, wie undifferenziert und vielseitig wir mit dem Begriff "Spiritualität" umgehen. Natürlich könnten Sie sagen, das mich als Theologen dies besonders interessiert. Aber das glaube ich nicht. Es ist für alle Beteiligten im Umfeld von Palliativversorgung deutlich, dass die geistlichen von spirituellen Bedürfnisse von Menschen eine Rolle spielen – vielleicht sogar eine zentrale. Doch sobald ich mich darauf einlasse, muss ich mir auch die Mühe machen, zu diesem Begriff etwas zu sagen. Ich muss mich einer schwierigen Aufgabe stellen, nämlich der Definition dessen, was ich unter "spirituell" verstehe. Glauben sie mir, das ist in der heutigen Zeit nicht einfach.
Und dies ist nur ein Beispiel von vielen, wenn ich ein Thema etwas genauer in den Blick nehme. Ich muss mir über Begriffe und Ideen im Dialog klar werden. Es ist viel einfacher, manches nicht zu tun oder nicht in den Blick zunehmen, weil ich es dann nicht näher bestimmen und im Zweifelsfall auch verteidigen muss.

Lassen sie mich zum Schluss kommen. Ich hatte eingangs erwähnt, dass wir es beim Themenfeld "Tod, Sterben, Abschied und Trauer" mit einem Tabu zu tun haben. Und ich bin mir vollkommen klar, dass es gegen Tabubrüche Widerstände gibt. Ich kann dies – als jemand, der viele Jahre in Beratung und Supervision tätig ist – auch würdigen. Tabus haben einen Sinn! Eine Tabuisierung aufweichen zu wollen, oder aus der Zone eines Tabus zu holen, was dort angesiedelt wurde, ist schwierig. 
Das Tabu, welches die Menschheit um den Tod herum errichtet hat, hat mit der Ambivalenz und Mehrdeutigkeit unserer Endlichkeit zu tun. Es würde den Rahmen dieses Vortrages sprengen, z.B. die profunden Erkenntnisse von Sigmund Freud zu referieren, die uns helfen, den Wert und Sinn solcher Tabus zu würdigen.
Dennoch leiden wir unter diesem Tabu – wie unter jedem! - und versuchen, es zu mildern und zu entkräften. Wir haben erkannt, dass es heilsam und segensreich sein kann, offen und ehrlich mit dem Tod und unserer Endlichkeit umzugehen. Es ist dies eines der Hauptziele jeden Glaubens und jeder Religion: dem Tod ins Auge schauen zu können, ohne vor Angst und Schrecken vergehen zu müssen.
In der Altenpflege aber treffen wir auf eine komplizierte Lage: Schon das Thema "Alter und Altwerden, Gebrechlichkeit, Lebensabend" ist ja ein verstecktes und ungeliebtes Themenfeld. Pflegekräfte können ein Lied davon singen, dass ihr Beruf mit einem Stigma belastet ist. Wenn wir jetzt noch die offensive und öffentliche Beschäftigung mit dem Tod anstreben, dann verschärfen wir den Druck, der auf diesem tabuisierten und stigmatisierten Bereich lastet. Das muss man wissen und ernst nehmen.
Die Lösung kann nicht sein, diese Themen tot zu schweigen. Sie melden sich von selbst! Aber man muss sich ausreichend Gedanken über stützende Sicherungssysteme machen. Wer sich offen im Tabubereich bewegt, braucht einen Schutz. Für uns heißt dies, das heilsame Gespräch mit allen Betroffenen, die Psychohygiene, den seelischen Ausgleich, die Supervision und ein gutes Betriebsklima zu forcieren bzw. als integrale Bestandteile gelungener Palliativversorgung anzusehen und anzustreben.
Es ist eine theologische Erkenntnis, dass Beziehungen der tragende Grund einer gesunden Existenz sind. In der Altenpflege heißt dies, dass wir Beziehung statt Isolation brauchen. Mitarbeiter müssen Freiräume haben, um sich auszutauschen, statt alles in sich zu verschließen. Die Atmosphäre in unseren Häusern muss stimmen, wenn wir erwarten, offen und ohne Scheu über den Tod sprechen zu können. Damit haben Träger und Leiter von Einrichtungen eine weitere Aufgabe, auf die sie sich einstellen müssen.
Es ist eine lohnende, vitalisierende Aufgabe.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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