Meine Tür ist das Essen.

Ulrike Grambow arbeitet im stationären Hospiz des Christophorus Hospiz Vereins München in einer ungewöhnlichen Doppelrolle: als Pflegekraft und in der Hauswirtschaft. Eigentlich wollte die gelernte Krankenschwester und Fachkraft für Palliative Care nur vorübergehend in der Küche aushelfen, einen Engpass überbrücken.  Doch dann stellte sie fest, dass sie sich in beiden Welten wohlfühlt – und beide einander ganz wunderbar ergänzen. „Meine Tür ist das Essen“, sagt sie heute. Durch diese Tür öffnet sie die Sinne und erreicht oft auch die Seele schwerstkranker Menschen.

„Ich will hier sterben, nicht essen.“

„Viele kommen und sagen erstmal: Ich will hier sterben, nicht essen“, erlebt Ulrike Grambow. Und wer will schon essen, wenn ihn bohrende Schmerzen quälen, ständige Übelkeit oder Atemnot. Im Hospiz können mit den Mitteln der Palliativmedizin und Palliativpflege diese Symptome oft deutlich gelindert werden. Richtet sich nicht mehr alle Aufmerksamkeit auf den Schmerz, ist der Teufelskreis aus Atemnot und Angst durchbrochen, hat der Appetit wieder eine Chance. Ulrike Grambow lockt dann vielleicht mit einem Tellerchen Suppe oder etwas Eiscreme. Wenn die leicht durch die Kehle gleitet, sich gut anfühlt und fein schmeckt, dann öffnen sich gern auch wieder die nach innen gekehrten, ganz auf Abwehr gerichteten Sinne und verlangen nach mehr. „Wenn jemand ein Gelüst hat“, sagt Ulrike Grambow, „dann erfüllen wir es so zeitnah wie möglich.“

Viele Menschen, die heute ihre letzten Tage und Wochen im Hospiz verbringen, haben den Zweiten Weltkrieg erlebt, den Hunger der Nachkriegsjahre. Sie erzählen Ulrike Grambow oft aus der Zeit des Mangels. Ganz unterschiedlich hat die Kindheit mit knurrendem Magen sie geprägt. Die eine musste so viel Sauerampfer pflücken und essen, dass ihr der Gedanke an das Wildkraut bis heute Grausen bereitet. Der andere liebt Gerstengrütze bis heute, nahrhafter und süßer allerdings, mit Milch, Zucker und Rosinen geköchelt.

Was Seele und Sinne berührt

Zur Sterbebegleitung gehört es, sich mit der Lebensgeschichte des Menschen zu beschäftigen. Biografiearbeit nennen das Profis. Wie hat ein Mensch gelebt, was war ihm wichtig, welche Last trägt er mit sich herum? Wer spielt in seinem Leben eine Rolle? Wovor hat er Angst, was bereitet ihm Freude, was sieht, hört, schmeckt und riecht er gern?  Ulrike Grambow findet: Nicht nur zu erforschen, was Geist, Herz und Seele eines Menschen berührt, sondern auch seine Sinne einzubeziehen, das rundet die Biografiearbeit und die hospizliche Begleitung. Ein Gespräch über Leibgerichte kann leicht der Einstieg sein in die tiefen Themen eines Lebens. Und auch ganz praktische Aspekte sind wichtig: Wer kann nicht gut schlucken, wer liebt scharfes Essen? Solche Details trägt Ulrike Grambow von Bewohnerbett direkt in die Küche – und die passenden Gerichte wieder zurück.

Ulrike Grambow in der Stationsküche; sie hält zwei Platten mit Kuchen.

Dass Fachkräfte in Hospizen und auf Palliativstationen Teilzeit arbeiten, ist eher die Regel als die Ausnahme. Manche Beschäftigte haben zwei Standbeine, z. B. im Hospiz und in der Bildungsarbeit. So finden sie einen Ausgleich zum erfüllenden, aber auch belastenden täglichen Umgang mit dem Sterben, dem Tod. Ulrike Grambow hat eine 80-Prozent-Stelle im stationären Hospiz. Je zur Hälfte arbeitet sie in der Palliativpflege und in der Hauswirtschaft.

Nach Austern wird eher nicht gefragt

Wie viel reine Freude verströmt ein ofenwarmer Hefezopf, die sämige Kartoffelsuppe, der krumig-saftige Streuselkuchen, ein Büschel Kräuter, deren Grün man zaust. Wie viel Kindheitstrost liegt in einem Löffel Pudding, wie viel Glücksgefühl in einer Schale Hühnerfrikassee. „Nach Austern werden wir eher nicht gefragt“, meint Ulrike Grambow trocken. Es ist meist die einfache Küche, die Hausmannskost, der Geschmack der Kindheit, nach dem sich die Menschen am Ende ihres Lebens sehnen. Der Nusskuchen, das Lieblingsgemüse. „Eine Bewohnerin hat sich Steckrüben gewünscht. Das war gar nicht so einfach, die aufzutreiben. Und natürlich haben sie nicht so geschmeckt wie bei ihrer Mutter. Aber sie hat sich gefreut und wusste die Mühe zu schätzen.“

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Und eines Tages: hört der Mensch auf zu essen

Eines Tages ist es dann soweit. Der sterbende Mensch möchte nicht mehr essen. „Oft sagen sie: Ich muss doch was essen. Aber sie müssen nicht mehr“, sagt Grambow. „Allerdings: Wenn jemand aufhört zu essen und zu trinken, ist das schwer für die Angehörigen.“ Jemandem zu essen geben – das ist schließlich auch Ausdruck der ersten, tiefsten Fürsorge im Leben eines Menschen. Zur Fürsorge in den letzten Lebenstagen  gehört es, hinzunehmen und auszuhalten, dass der geliebte Mensch nicht mehr isst. Das gut gemeinte, fast gewaltsame Füttern hält das Sterben nicht auf; es macht es, im Gegenteil, nur schwerer. Was oft bis zum Schluss geht: Eiscreme. „Die kühlt schön, rutscht gut – und ist für die meisten eine schöne Kindheitserinnerung.“ Und noch später: Eiswürfel, die den Mund befeuchten. „Wir frieren alles Mögliche ein, Säfte, Cola, Prosecco.“

Die Welt hält den Atem an

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Wenn ein Mensch nicht mehr isst, nicht mehr trinkt, dann ist der Tod meist nur noch wenige Tage entfernt. Der Körper verliert an Kraft, mehr und mehr wendet sich der Blick nach innen. Die bewussten Momente werden seltener. Ulrike Grambow nennt es ein Geschenk, wenn sie als Abschluss einer guten Sterbebegleitung auch beim letzten Atemzug eines Menschen dabei sein darf. „Als ich das erste Mal dabei war, habe ich das Erlebnis verglichen mit der Geburt meines ersten Sohnes. Die Welt hielt einen Moment lang den Atem an. Da hat man schon das Gefühl, dass zwischen Himmel und Erde einiges passiert, von dem wir nichts wissen.“

„Für mich ist es ein Geschenk, wenn ich als Abschluss einer guten Begleitung auch beim letzten Atemzug dabei sein darf. Als ich das erste Mal dabei war, habe ich das Erlebnis verglichen mit der Geburt meines ersten Sohnes. Die Welt hielt einen Moment lang den Atem an. Da hat man schon das Gefühl, dass zwischen Himmel und Erde einiges passiert, von dem wir nichts wissen.“

Und dann? Was ist dann zu tun? Wenn ein Mensch gestorben ist, bestärkt Ulrike Grambow die Angehörigen, sich Zeit zu nehmen: „Das ist ein einmaliger Moment, in dem man erst mal gar nichts tun muss.“ Sie ermuntert die Erwachsenen, auch die Kinder ins Zimmer zu holen. „Außen vorgelassen zu werden, traumatisiert Kinder meist viel mehr. Den Tod, buchstäblich, zu begreifen, das ist doch ein wichtiger Moment.“ Und, meint Grambow: Kinder haben ihre ganz eigene Weise, das Sterben zu begreifen. „Einmal habe ich mit einem Jungen gesprochen, dessen Opa gerade gestorben war. Er sagte: `Ich verstehe nicht, dass die Mama weint. Der Opa geht doch jetzt durchs goldene Tor und dann hat er keine Schmerzen mehr´.“

Manchmal gibt Ulrike Grambow den Kindern einen Stein für den „Fluss der Erinnerung“. Den dürfen sie beschriften und bemalen und anschließend zu den anderen legen, die sich im Hospizgarten wie in einem trockenen Flussbett aneinanderreihen. Während die Erwachsenen so schrecklich beschäftigt sind, die Beerdigung zu organisieren und Tausenderlei zu regeln, haben sie dann auch eine wichtige Aufgabe. Das tut gut.

Konfirmanden-Rallye zum Thema Sterben

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt Ulrike Grambow oft auch nach Dienstschluss. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Projekt „Hospiz macht Schule“. Etwa alle sechs Wochen veranstaltet sie Führungen für Konfirmandengruppen durchs Hospiz oder besucht Schulklassen. Kürzlich traf sie Konfirmanden in deren Kirche. Mit einem Song von den Toten Hosen starteten die Jugendlichen in eine Rallye zum Thema Sterben und Tod. An mehreren Stationen konnten sie sich über verschiedenste Aspekte informieren. Einige Fragen bekommt Ulrike Grambow immer zu hören: Nach dem Alter der Verstorbenen, ob sie auch sterbende Kinder begleite, wie belastend ihre Arbeit für sie sei. Die Jugendlichen haben viele Fragen; das Sterben kennen die meisten nur vom Hörensagen. Darüber gesprochen wird in den Familien nicht viel. Die Veranstaltungen von „Hospiz macht Schule“ ändern dies oft. Die Mädchen und Jungs tragen das Thema nach Hause, in die Welt. Da wächst eine neue Generation heran, vernetzt wie keine zuvor: Vielleicht wird künftig mehr übers Sterben gesprochen.

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Frau B. möchte sterben, wie sie gelebt hat

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Im Porträt

Dort, wo man lebt, könnte man meist auch gut sterben, findet Sepp Raischl, fachlicher Leiter und stellvertretender Geschäftsführer des Christophorus Hospizvereins München e. V. „Ein alter Mensch muss doch nicht vom Pflegeheim ins Hospiz verlegt werden, wenn er keine Schmerzen hat …

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