Das Glück der vielen kleinen Dinge.

Simone Boden arbeitet Teilzeit in der Verwaltung eines großen Rundfunksenders. Als ihre Kinder in die Pubertät kamen, beschloss sie, sich ehrenamtlich zu engagieren. „Ich wollte keine Glucke werden, die zu Hause sitzt und sich um die Kinder sorgt.“ Von der Hospizbewegung erfuhr sie, als eine schwerkranke Freundin von einem Hospizdienst betreut wurde. Kurz darauf stieß sie zufällig auf eine Anzeige eines Hospizvereins und beschloss, sich selbst ein Bild zu machen. Seit 2012 arbeitet Simone Boden einen halben Tag pro Woche ehrenamtlich als Hospizbegleiterin im ambulanten Dienst beim Christophorus Hospiz Verein in München. Seither hat sie elf schwerstkranke Menschen bis zu deren Tod begleitet.

Frau Boden, worüber können Sie herzlich lachen?

Simone Boden: Über das Leben. Über lustige Situationen mit Kindern. Über Tiere: z. B. über das Gesicht eines Uhus, wenn er seinen Kopf wendet. Der liebe Gott hat so viel Humor: Man muss nur in die Natur gehen und sich diese Buntheit und Vielfalt ansehen.

Wenn ich sterbende Menschen begleite, wird manchmal geweint und auch viel gelacht. Zum Beispiel, wenn wir gemeinsam alte Fotos ansehen und sie von alten Zeiten und witzigen Begebenheiten erzählen. Ich finde, alle Emotionen helfen; man kann mit Weinen genauso wie mit Lachen den Kummer und die Ängste ablassen. Humor ist ein ganz wichtiger Begleiter.

„Gemeinsam ein Fotoalbum durchzublättern, ist ein guter Türöffner. Wenn jemand aus seinem Leben erzählt, ist das für mich wunderbar, wie Kino. Man bekommt ein ganzes Leben erzählt und steht plötzlich mittendrin.“

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Hatten Sie ein mulmiges Gefühl, als Sie zum ersten Mal einen Menschen als Hospizbegleiterin besucht haben?

Ich habe jedes Mal ein mulmiges Gefühl! Ich bin immer ein bisschen nervös und frage mich, ob wir gut zusammenfinden. Aber es hat bisher immer geklappt. Sogar in Situationen, bei denen ich Bedenken hatte.

Ich wollte zum Beispiel keine Raucher begleiten. Ich mag es einfach nicht, in einer verrauchten Umgebung zu sein. Dann ergab es sich aber doch, dass eine Begleitung für einen starken Raucher gesucht wurde. Ich bin zum Erstgespräch zu ihm gegangen; wir haben drei Stunden miteinander geredet, das war wirklich lang und intensiv. Danach habe ich mit mir gerungen, sogar von ihm geträumt – und schließlich zugesagt und das Rauchen einfach akzeptiert. Ab diesem Moment war es kein Thema und es wurde eine meiner nettesten Begleitungen überhaupt.

Schon wenn ich ins Treppenhaus kam, hatte ich den Rauch in der Nase – und habe mich gefreut. Zuletzt war der Mann bis zum Hals gelähmt. Da habe ich die Zigarette mit einer Wäscheklammer an seinen Mund gehalten. So wurde das Rauchen zuletzt sogar noch unser kleines Ritual und hat uns beiden Freude gemacht. Das war für mich ein Aha-Erlebnis: Ob Zigarettenrauch oder ein übler Geruch von einer Wunde oder einem Tumor, das Problem findet nur im Kopf statt. Wenn man die Dinge einmal akzeptiert, wie sie sind, dann spielen sie keine Rolle mehr.

„Äußerlichkeiten wie das Aussehen oder der Geruch eines Menschen rücken in den Hintergrund. Sogar das Sterben rückt in den Hintergrund. Was bleibt, ist der Mensch.“

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Wie nahe kommen Sie den Menschen, die Sie begleiten?

Das hängt ganz von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Die meisten fragen mich erstmal aus, sie möchten wissen, warum ich Hospizbegleiterin bin, warum ich einen sterbenden Menschen wie sie gerne besuche ...

Porträtfoto: Simone Boden blättert in einem Fotoalbum.

Oft ist der Mensch, den ich begleite, aber zu müde oder zu schlapp, um zu reden. Einmal kam ich zu einem Mann, der sehr schwach und unruhig im Bett lag. Sprechen konnte er kaum noch. Ich habe ihn gefragt, ob er klassische Musik hören möchte und er stimmte zu. Als das Stück erklang, wurde er ganz ruhig. Und dann hob er seine Hände ein wenig und dirigierte. Zuletzt sagte er ganz leise: `Musik ist wunderschön.´ Dieser Moment war sehr intensiv. Man spürt: Das Glück reduziert sich auf ganz viele kleine Dinge.

Eine Frau, Anfang sechzig, hat sich allerhand Kosmetika und Pflegeprodukte im Internet bestellt. Immer wenn ich kam, haben wir einen Beauty-Tag gemacht. Erst wurde ein Bad eingelassen. Und dann musste jedes Härchen, das an der falschen Stelle wuchs, gezupft werden, Gesichtsmasken aufgelegt und feine Cremes einmassiert werden ... Das war eine große Nähe, auch körperlich. Ich würde weder in meinem Beruf noch im Privatleben so eng mit anderen Menschen in Kontakt treten. Aber in der Hospizbegleitung ist es für mich in Ordnung und auch schön.

Wie erleben Sie die allerletzte Lebensphase Ihrer Klienten?

Die letzte Woche eines Menschen ist oft sehr leise. Aber man kann noch viel tun; für eine bequeme Lagerung sorgen, den Menschen beruhigen, ihn fühlen lassen, dass er nicht alleine ist. Die Symptome des Sterbens sind für die Angehörigen teilweise weit belastender als für den sterbenden Menschen: das schwere Atmen, die Unruhe, der kraftlose Versuch, aufzustehen ... Ich kann den Angehörigen Sicherheit und Ruhe vermitteln und ihnen erklären: Es ist ganz normal, was gerade geschieht.

„Frau Boden, was zeichnet eine Hospizbegleiterin oder einen Hospizbegleiter aus?“ – „Ganz einfach: Man muss die Menschen mögen.“

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Viele Menschen werden kurz vor ihrem Tod noch in ein Krankenhaus oder ein Hospiz verlegt, zum Beispiel, wenn ihre Symptome zu Hause nicht behandelt werden können. Manche Menschen möchten zu Hause sterben, andere fürchten, dass sie ihre Angehörigen zu sehr belasten. Es ist ein sehr großer Schritt, das eigene Zuhause zum letzten Mal zu verlassen. Das sind so viele Abschiede. Wenn die Menschen möchten, besuche ich sie auch im Krankenhaus oder Hospiz. So habe ich auch Einblick ins stationäre Hospiz gewonnen. Es ist ein so liebevoller, würdevoller und offener Umgang mit den sterbenden Menschen und ihren Angehörigen. Für mich sind Hospize Oasen der Menschlichkeit am Lebensende.

Wie werden Sie in Ihrem Ehrenamt unterstützt?

Die hauptamtlichen Kräfte, oft Sozialpädagogen, koordinieren die Einsätze. Gemeinsam mit einer Pflegekraft machen sie den Erstbesuch und klären: Wie ist das Umfeld, gibt es einen Hausarzt, einen Pflegedienst, muss der Mensch palliativ versorgt werden? Sind wichtige organisatorische oder finanzielle Angelegenheiten zu klären? Und: Wünschen der Patient und seine Familie eine Hospizbegleitung? Falls ja, kommt der Einsatzleiter mit zu meinem ersten Gespräch und lässt uns dann alleine. Anschließend werden der zu Betreuende und ich einzeln befragt, ob wir uns eine Begleitung vorstellen können.

Danach habe ich weiter regelmäßig Kontakt zur Einsatzleitung. Ich gebe auch Rückmeldung, zum Beispiel, wenn ich merke, dass Angehörige überfordert sind und weitere Unterstützung brauchen. Einmal pro Monat treffe ich mich mit anderen Ehrenamtlichen zur Supervision. Highlights sind für mich die regelmäßigen Fortbildungen, mindestens drei pro Jahr sind verpflichtend. Zurzeit mache ich einen Aufbaukurs, damit ich künftig auch Menschen mit Behinderung begleiten kann.

Fühlen Sie sich von den hauptamtlichen Kräften als Kollegin anerkannt?

Ja, unbedingt. Wir tauschen uns regelmäßig aus. Beim Christophorus Hospiz Verein gibt es ungefähr 250 ehrenamtliche und 70 hauptamtliche Kräfte. Die Hauptamtlichen sind froh über unsere Rückmeldungen, Einschätzungen und Vorschläge, weil wir so nah dran sind an den Menschen. Ich finde es sehr schön, Teil dieses multiprofessionellen Teams zu sein.

Kann man sich auf das Sterben vorbereiten?

Ich glaube schon. Ich denke, dass man so leben sollte, dass man sich jederzeit verabschieden kann. Ich finde es wichtig, Konflikte nicht schwelen zu lassen, sondern zu lösen, Streitigkeiten beizulegen. Vielleicht sagt man seinen Lieben noch öfter, wie lieb man sie hat. Vielleicht bedankt man sich mal bei den eigenen Eltern. Denn was ist dem Menschen im Sterben noch wichtig? Die Liebe und das Zwischenmenschliche.

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