Auch zu Hause kann ein guter Ort zum Sterben sein.

Dort, wo man lebt, könnte man meist auch gut sterben, findet Sepp Raischl, fachlicher Leiter und stellvertretender Geschäftsführer des Christophorus Hospizvereins München e. V. „Ein alter Mensch muss doch nicht vom Pflegeheim ins Hospiz verlegt werden, wenn er keine Schmerzen oder andere belastenden Symptome hat und nicht einsam ist.“

Beraten und begleiten, motivieren und befähigen

Hospizvereine organisieren nicht nur die ehrenamtliche Begleitung sterbender Menschen. Der Christophorus Hospiz Verein München zum Beispiel, 1985 gegründet, heute rund 2.400 Mitglieder stark und unterstützt von mehr als 200 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen und -begleitern, ist auf vielen Ebenen aktiv und vernetzt. Sein Team begleitet, pflegt und versorgt jedes Jahr rund 1.400 Menschen ambulant und stationär, steht Trauernden zur Seite, bietet Beratung zu allgemeinen Fragen wie zu Spezialthemen und verbreitet mit Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit das Wissen ums Sterben und die gute Sterbebegleitung. „Es geht uns nicht nur darum, dass wir selbst etwas tun“, fasst Sepp Raischl zusammen. „Wir wollen auch andere befähigen.“

Gegen eine Verdichtung des Sterbens

Der Verein engagiert sich gegen eine „Verdichtung des Sterbens“, wie Sepp Raischl es nennt: dagegen, dass „Menschen zum Sterben abgesondert werden. Man darf nicht nur Sonderbereiche wie das stationäre Hospiz schaffen. Wir wollen nicht, dass Hospize die Hauptorte des Sterbens werden. Sie sind nur für die Menschen, die an schwersten Symptomen leiden. Wenn ein alter Mensch schmerzfrei ist und Begleitung hat, will er doch nicht von zu Hause oder aus seinem Zimmer im Pflegeheim in ein Hospiz verlegt werden!“

„Es geht uns nicht nur darum, dass wir selbst etwas tun. Wir wollen auch andere befähigen.“

Sterben solle wieder als Teil des Lebens, als Teil unserer Gesellschaft wahrgenommen werden – und eben auch dort stattfinden können, wo der Mensch bislang gelebt hat. Wenn Sepp Raischl vom Befähigen spricht, dann denkt er nicht nur an die Fort- und Weiterbildung von Fachleuten, sondern vor allem an die breite Öffentlichkeit. „Wir wollen vermitteln, was jeder Mensch selber tun kann, auch zu Hause.“ Das eigene Zuhause kann ein guter Ort zum Sterben sein. Auch in Zeiten, in denen immer mehr Familien weit verstreut wohnen und in denen das Modell „Mann arbeitet, Frau pflegt“ längst überholt ist.

Natürlich, betont Raischl: es gibt Grenzen. Nicht jeder schafft es, einen Angehörigen bis zum Tode zu Hause zu betreuen. Nicht jeder hat Kraft, die Verantwortung für einen sterbenden Menschen zu übernehmen. Nicht jeder kann sich für Wochen oder Monate aus seinen Pflichten in Beruf und Familie lösen.

„Man kann nur staunen, was möglich ist, wenn zum Beispiel Freunde und Nachbarschaft zusammenhalten.“

Doch: „Dass ein sterbender Mensch allein lebt, ist kein Hinderungsgrund“, meint Raischl. „Es ist ein Mythos, dass ein sterbender Mensch nicht allein sein kann oder will. Wichtig ist regelmäßige Unterstützung. Man kann nur staunen, was möglich ist, wenn zum Beispiel Freunde und Nachbarschaft zusammenhalten.“

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Hospizbegleitung im Alten- und Pflegeheim

Zu Hause zu sterben: Das bedeutet nicht unbedingt in der eigenen Wohnung. Das Zuhause kann auch ein Alten- und Pflegeheim sein, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung oder ein Wohnheim für psychisch kranke Menschen.

Für Fachkräfte in Alten- und Pflegeeinrichtungen ist das Sterben Alltag. Doch mit der Palliativpflege sind sie meist nicht vertraut. Für die intensive Betreuung und Begleitung schwerstkranker, sterbender Menschen reicht in Heimen meist die Zeit vorne und hinten nicht. Genau hier möchten Akteure wie der Christophorus Hospiz Verein ansetzen. „Wir haben 7.000 ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter in Bayern. Da muss es doch nicht sein, dass ein Mensch im Pflegeheim ganz alleine stirbt“, wird Sepp Raischl deutlich.

Schon seit 2004 betreibt der Christophorus Hospiz Verein einen Palliativ-Geriatrischen Dienst (PGD). Das Angebot wurde speziell für Pflegeeinrichtungen geschaffen und wendet sich an Bewohner und deren Angehörige genauso wie an die Verantwortlichen und Fachkräfte. Der PGD informiert zu medizinischen, pflegerischen, ethischen sowie rechtlichen Fragen und bietet eine psychosoziale Beratung und Begleitung. 2015 hat der PGD fast alle der rund 50 Münchner Alten- und Pflegeheime besucht. Ziel Nummer eins:  informieren, vernetzen, Vertrauen aufbauen. Klären: Was ist organisatorisch möglich, wie kann der Einsatz von Ehrenamtlichen vertraglich geregelt werden? Ziel Nummer zwei: Wissen verbreiten. Und zwar auf beiden Seiten: in den Altenheimen genauso wie unter den ehrenamtlichen Hospizhelferinnen und Hospizhelfern.

„Wir haben 7.000 ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter in Bayern. Da muss es doch nicht sein, dass ein Mensch im Pflegeheim ganz alleine stirbt!“

Denn es ist etwas anderes, ob Ehrenamtliche im stationären Hospiz arbeiten, Seite an Seite mit hauptamtlichen Hospiz- und Palliativprofis, oder in Einrichtungen, in denen die hospizliche Begleitung gerade erst Fuß fasst. Die Ehrenamtlichen müssen sich mit den Strukturen und Abläufen in einer Alten- und Pflegeeinrichtung vertraut machen. Sie müssen akzeptieren, dass sie „nicht mit dem Hammer reingehen können, wenn die Situation im Heim nicht gut ist“, beschreibt Sepp Raischl. „Sonst werden sie im Heim als Besserwisser empfunden und abgelehnt.“ Die Heimleitung und die Pflegekräfte sollen die ehrenamtlichen Hospizhelfer als sinnvolle Ergänzung ihrer Arbeit wahrnehmen, nicht als Kontrollinstanz oder Konkurrenz.

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Ältere Menschen mit Behinderung

Noch einmal anders ist die Situation in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Während der Nazizeit in Deutschland wurden Menschen mit Behinderung systematisch ermordet. Die erste Nachkriegsgeneration erreicht nun das höhere Alter. Wer sie in schwerer Krankheit und im Sterben begleitet, braucht besonderes Wissen, z. B. um das Zusammenwirken der Behinderung und der Erkrankung. Hier fehlt in Deutschland die Erfahrung aus Jahrzehnten. Auch ethische Fragen stellen sich massiv, z. B. wenn Menschen mit geistiger Behinderung ihre Situation nicht beurteilen oder ihre Wünsche nicht ausdrücken können. „In den Einrichtungen arbeiten oft sehr junge Heilerziehungspfleger, die keine Erfahrung darin haben, schwerstkranke und sterbende Menschen zu betreuen“, schildert Sepp Raischl. Sie können sich genauso an den Hospizverein wenden wie Menschen, die Angehörige mit Behinderung zu Hause betreuen. 2013 wurde dafür ein eigener Hospiz- und Palliativberatungsdienst für Menschen mit Behinderung geschaffen.

Bis zuletzt: selbstbestimmt in der vertrauten Umgebung

Porträtfoto: Sepp Raischl.

Auch wenn die Strukturen sich stark unterscheiden: Mensch ist Mensch – ob zu Hause, im Hospiz, im Pflegeheim. Die Beziehung zwischen einem sterbenden Menschen und seinem ehrenamtlichen Begleiter kann sich hier wie dort entfalten. Einfühlsam und mit viel Fingerspitzengefühl bauen die ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen und -begleiter den Kontakt auf. Ihre Aufgaben sind klar abgegrenzt: keine pflegerische Tätigkeit, keine Hausarbeit. Sie sind Partner im Gespräch und im Schweigen, am Bettrand oder beim Ausflug in den Garten. Sie übernehmen kleine Erledigungen oder halten einfach nur die Hand. Sie geben Auskunft – und wissen, wann sie Pflegekräfte oder den Arzt hinzuziehen müssen. Bis zu vier Stunden pro Woche sind sie im Einsatz, manchmal übernehmen sie auch Nachtwachen.

In England, dem Mutterland der Hospizbewegung, gibt es „Massen an Ehrenamtlichen“, berichtet Sepp Raischl, „aber sie werden nicht systematisch ausgebildet. In Deutschland muss man 100 Unterrichtseinheiten absolvieren, damit man anerkannt wird und die Kasse die Einsätze bezahlt. Von solchen Standards kann man in England nur träumen.“

Entsprechend hoch ist, zu Recht, das Selbstbewusstsein der ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter in Deutschland. Eines Tages soll ihr Einsatz in Alten- und Pflegeeinrichtungen genauso selbstverständlich sein wie im Hospiz und am Sterbebett daheim. Die Hospiz- und Palliativbewegung ist dann ihrem Ziel einen weiteren Schritt nähergekommen: dass jeder Mensch bis zuletzt selbstbestimmt in seiner vertrauten Umgebung leben kann.

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Porträtfoto: Gertrud B.

Frau B. möchte sterben, wie sie gelebt hat

Gertrud B. (Foto) hat Lungenkrebs und Metastasen an der Wirbelsäule. Als sie ins Münchner Christophorus-Hospiz verlegt wurde, gaben ihr die Ärzte noch acht Tage. Als wir sie besuchen, ist das gut drei Monate her.

Porträtfoto: Dr. Marcus Schlemmer.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

„Die Patienten hierherzulegen und ihnen ein bisschen Morphin zu geben – das ist nicht alles“, sagt Dr. Marcus Schlemmer (Foto), Chefarzt der Palliativstation am Krankenhaus Barmherzige Brüder in München. Die Menschen auf seiner Station sollen die Welt sehen, hören, spüren, erleben können.

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Im Porträt

„Eigentlich müsste ich jetzt Holz machen.“ Stattdessen liegt Ernst H. im Bett und trinkt Schnäpsli. Die sind ärztlich verordnet und lindern seine Schmerzen. Gegen die Behandlung auf der Palliativstation hatte er Bedenken. Drei Tage später ist er ganz anderer Meinung: „Ich habe großes Vertrauen.“

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