Sterben ist unser Alltag. Aber nichts Alltägliches.

Lebensqualität: Was heißt das für schwerstkranke Menschen? Diese Frage beantwortet Regina Raps nicht selbst. „Wir lassen uns von jedem Patienten erklären, was für ihn persönlich Lebensqualität bedeutet“, sagt die pflegerische Leiterin der Palliativstation am Würzburger Juliusspital. Für den einen Menschen sei Lebensqualität, auf der Palliativstation Ruhe zu finden und ungestört Abschied nehmen zu können. Für den anderen, noch einmal Kraft zu schöpfen für ein letztes, wichtiges Vorhaben. „Sterben ist unser Alltag“, sagt Regina Raps, „aber nichts Alltägliches.“ Respekt und Achtung sind deshalb für sie hohe Werte. Respekt und Achtung für jedes einzelne Leben, das allmählich oder auch ganz schnell zu Ende geht.

Ein Tag auf der Palliativstation

Natürlich gibt es einiges, was auf der Palliativstation getan wird und getan werden muss. Jeder Morgen beginnt mit der Übergabe im Pflegeteam. Anschließend besuchen die Pflegekräfte alle Patientinnen und Patienten und fragen, wie es ihnen geht, ob und was sie frühstücken möchten oder ob sie lieber erst duschen. Im Laufe des Vormittags wechseln die Pflegekräfte dann Verbände, geben Medikamente, machen die Betten frisch und helfen beim Anziehen. Auch die Therapie findet überwiegend vormittags statt: Physiotherapie, Kunst-, Musik- und Gesprächstherapie. Wer möchte, kann das für ihn passende Angebot annehmen. Gedrängt wird niemand. Der Nachmittag wird möglichst freigehalten; so sind die Besuche von Ehrenamtlichen und Angehörigen ungestört. Wobei Angehörige rund um die Uhr willlkommen sind. „Heute Nacht erst kam die Schwester eines Patienten um 2 Uhr auf die Station. Wir haben nur Einzelzimmer; wenn ein Angehöriger über Nacht bleiben möchte, schieben wir ein Zusatzbett ins Zimmer.“ Was möglich ist und dem schwerstkranken Menschen gut tut, wird möglich gemacht. Die Uhr gibt nur dann den Takt vor, wenn Medikamente zu bestimmten Zeiten eingenommen werden müssen. Alle anderen Abläufe taktet das Leben.

Brüche im Leben machen das Sterben schwer

„Das Leben ist nicht vorhersehbar und nicht planbar“, weiß Regina Raps. Statt den Menschen in ein Zeitschema zu zwängen, versucht ihr Team, mehr über ihn zu erfahren. „Wie hat der Mensch sein Leben gelebt? Was war und ist ihm wichtig? Hat er seine Dinge am liebsten alleine geregelt? Es gibt Symptome, die auf den baldigen Tod hindeuten. Aber wir erleben auch immer wieder Überraschungen. Es passiert, dass ein Patient schwer krank ist, doch er schafft es nicht, zu sterben. Was hält ihn?“ Oft komme es noch am Sterbebett zu wichtigen Familientreffen, teilweise begleitet von einem Gesprächstherapeuten oder Psychologen. Über Konflikte in der Familie werde oft hinweggeschwiegen, jahre-, jahrzehntelang. Solche Brüche im Leben machten manchem Menschen das Sterben schwer. „Hier, auf der Palliativstation, ist es so intensiv, so existenziell, dass sich der Vorhang nicht mehr vorhalten lässt.“

Wenn die körperlichen Symptome unter Kontrolle sind, der Schmerz, die Übelkeit, die Atemnot, dann drängen auch die spirituellen Fragen nach vorne. Gesprächs-, Musik- und Kunsttherapeuten sowie Seelsorger sind ganz Ohr und gehen individuell auf jeden einzelnen Patienten, jede Patientin ein. „Doch der Sinnfrage muss sich das ganze Behandlerteam stellen“, sagt Regina Raps. „Jeder Patient sucht sich den, mit dem er gut kann.“

„Der Sinnfrage muss sich das ganze Behandlerteam stellen.“

Auch im Dämmerzustand spüre der Sterbende noch die Anwesenheit anderer Menschen. Hinzugehen, meint Regina Raps, lohne sich immer. Das heißt aber nicht: Sich in der Sterbebegleitung zu erschöpfen. Wenn es einem Angehörigen nicht gut tut, die Unruhe des sterbenden Menschen auszuhalten, seinem rasselnden Atem zu lauschen, dann rät sie ihm, eine Ruhepause für sich selbst einzulegen. Notfalls bittet sie jemanden aus dem Kreis der Ehrenamtlichen um eine Sitzwache. Diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind umfassend geschult. Manchmal beruhigt es einen sterbenden Menschen schon, die Anwesenheit eines anderen zu spüren. Manche Menschen suchen das Gespräch oder eine Hand, die sie hält.

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Pflegende Angehörige können nun loslassen

Die Betreuung der Angehörigen braucht genauso viel Zeit wie die der Patienten, stellt Regina Raps immer wieder fest. Die Pflegekräfte sind ihre ersten und wichtigsten Ansprechpartner für alle praktischen Themen und für die großen Sinnfragen. Das Pflegeteam sieht die Begleitung der Angehörigen als eine wichtige Aufgabe. Doch manchmal wünscht sich Regina Raps, die Familien würden sich untereinander mehr abstimmen. „Heute kommt Sohn 1 und will ein Gespräch, morgen Sohn 2 und übermorgen die Tochter. Oft sind sie sich uneins und wollen unterschiedliche Therapien. Für uns ist es immer gut, wenn wir einen festen Ansprechpartner haben, der unsere Infos an die Familie weitergibt – und deren Entscheidungen an uns.“

Regina Raps mit einem Patienten.

Viele Angehörige wissen die Fürsorge der Pflegekräfte hoch zu schätzen. Sie bedanken sich, dass sie in ihren Nöten wahrgenommen, mit ihren Fragen ernst genommen wurden. „Angehörige, die durch die häusliche Pflege sehr belastet waren, bringen sich bei uns wieder gerne ein. Denn jetzt sind sie nicht mehr für den Patienten verantwortlich“, sagt Regina Raps. Sie können wieder ruhig schlafen, weil nun der Nachtdienst auf der Station Schmerzen und Atmung überwacht und bei Bedarf eingreift. Sie können wieder zur Arbeit gehen oder einfach mal spazierengehen und tief durchatmen, weil Ehrenamtliche sich um die vielen kleinen Erledigungen kümmern oder einfach für den Patienten da sind.

Sprühfläschchen statt Sauerbraten

Wer zum ersten Mal einen sterbenden Menschen begleitet, muss viel lernen. Zum Beispiel, dass sterbende Menschen nicht mehr essen müssen. „Für Gesunde hat das Essen so viel mit Lebensqualität zu tun“, schildert Regina Raps. „Essen vorbereiten bedeutet, für jemanden zu sorgen. Also wird der Sauerbraten mitgebracht.“ Für Sterbende ist der Sauerbraten aber irgendwann keine Lust mehr, sondern Last. Oft quälen sie sich mit ein, zwei Bissen ab, den Angehörigen zuliebe. Die Pflegekräfte zeigen den Angehörigen, wie sie ihren Liebsten besser helfen können. Ihnen den Mund befeuchten (das Sprühfläschchen darf ruhig mit dem Lieblingswein oder Bier gefüllt sein) oder die Arme und Beine sanft eincremen zum Beispiel.

„Ich habe meine Einstellung zu meinem eigenen Leben geändert. Ein Strafzettel bringt mich nicht in Zustände.“

Seit 2006 arbeitet Regina Raps in der Palliativpflege. Früher war sie Krankenschwester in einer Tagesklinik für Menschen mit chronischen Schmerzen. Von der Palliativpflege überzeugte sie der ganzheitliche Ansatz. Vom Sinn ihrer Arbeit ist sie voll und ganz überzeugt. Was die Teams auf Palliativstationen mehr und mehr belastet, ist – so absurd es klingt – die hohe Qualität der ambulanten Palliativversorgung. Immer mehr Menschen können immer länger gut zu Hause begleitet werden. Dies führt dazu, dass sie erst wenige Tage vor ihrem Tod auf die Palliativstation kommen. Es kann passieren, dass in einer Schicht die Hälfte aller Patienten auf einer Station stirbt. So viel Sterben in so rascher Frequenz: das verkraften auch Profis kaum. Die Folge: die meisten Fachkräfte auf Palliativstationen arbeiten in Teilzeit. Für Regina Raps haben sich in mehr als zehn Jahren auf der Palliativstation viele Prioritäten verschoben. „Ich habe meine Einstellung zu meinem eigenen Leben geändert. Zwischenmenschliches ist für mich jetzt viel wichtiger. Ein Strafzettel bringt mich nicht in Zustände.“

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