Leben und leben lassen.

Was ist der Unterschied zwischen Physiotherapie auf der Palliativstation und, zum Beispiel, der Orthopädie oder Chirurgie? Der Physiotherapeut Estifanos Besrat arbeitet im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in München je einen halben Tag in beiden Welten. „Im Akuthaus sieht man die großen Erfolge: Wir bringen einen Patienten nach einer Operation wieder auf die Beine und er geht gesund nach Hause; vielleicht behandeln wir ihn auch noch eine Zeitlang ambulant weiter. Auf der Palliativstation haben die Menschen meist unheilbare Krankheiten. Das Ziel ist nicht, sie zu heilen; die meisten werden bald sterben. Aber wir wollen, dass sie sich besser fühlen.“

Der Körper merkt, dass es ihn noch gibt

Estifanos Besrat behandelt das Bein einer bettlägerigen Patientin.

Wenn ein Mensch lange bettlägerig war, fühlt es sich schwindelerregend an, wieder auf der Bettkante zu sitzen, und dann aufzustehen und den ersten Schritt zu tun. Aber vor allem fühlt es sich gut an. Manche Menschen können sich aus eigener Kraft überhaupt nicht mehr bewegen. Sie genießen das Gefühl, wenn der Physiotherapeut ihre Arme oder Beine bewegt. Dann merkt ihr Körper, dass es ihn noch gibt. Es ist schön, berührt zu werden, einen anderen Menschen zu spüren. Eine Lymphdrainage ist besonders angenehm und entspannend. Wenn Estifanos Besrat sacht die angestaute Flüssigkeit aus dem Gewebe streicht, schlafen viele Patienten ein. Auch diejenigen, die nachts nicht schlafen können, weil die Angst sie terrorisiert.

Wir haben Zeit

Estifanos Besrat massiert einen Patienten.

Manche Patientinnen und Patienten möchten reden. Die Pflegekräfte sind nicht nur bei den Patienten; sie müssen auch dokumentieren, organisieren, verwalten, Übergaben machen, Medikamente vorbereiten … „Wir Physiotherapeuten sind die ganze Zeit mit den Patienten zusammen“, sagt Estifanos Besrat. „Wir haben Zeit. Während der Behandlung können wir über alles reden, was von den Patienten kommt. Über die Familie. Übers Sterben.“ Auch wenn die Physiotherapie wörtlich genommen nur den Körper im Blick hat: „Für uns ist wichtig, mit dem gesamten Menschen in Kontakt zu kommen; wir sind auch Seelsorger.“ Oft sind Angehörige bei den Patienten, wenn Besrat in die Zimmer kommt. Sie unterhalten sich weiter, während er geschwollene Beine ausstreicht und verkrampfte Glieder lockert. „Es ist traurig, wenn man hört, wie eine Frau ihrem Mann erklärt, wo er zu Hause alles findet. Die Versicherungen, die wichtigen Unterlagen.“

Reisende, Künstler, Ärzte, Architekten: Oft lernt Estifanos Besrat während der Behandlungen ein ganzes Leben kennen. Manchmal waren es lange, reich erfüllte Leben. Manchmal sehr kurze, die nun bald enden werden. „Der Tod“, sagt Estifanos Besrat, „ist allgegenwärtig.“

Wunschlos glücklich

Die Arbeit auf der Palliativstation, sagt Estifanos Besrat, habe sein Leben bereichert. „Ich habe viel von meinen Patientinnen und Patienten gelernt. Ich verdränge den Gedanken an den Tod nicht mehr. Ich habe gelernt, das Leben wertzuschätzen, es zu genießen. Ich versuche, in meinem Leben die Dinge gelassen zu sehen: zu leben und leben zu lassen.“ Und dann sagt Estifanos Besrat noch einen merkwürdigen Satz: „Die meisten Patienten hier sind wunschlos glücklich.“

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Im Porträt

„Eigentlich müsste ich jetzt Holz machen.“ Stattdessen liegt Ernst H. im Bett und trinkt Schnäpsli. Die sind ärztlich verordnet und lindern seine Schmerzen. Gegen die Behandlung auf der Palliativstation hatte er Bedenken. Drei Tage später ist er ganz anderer Meinung: „Ich habe großes Vertrauen.“

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