Eine solche Freundlichkeit.

„Eigentlich müsste ich jetzt Holz machen.“ Stattdessen liegt Ernst H. im Bett und trinkt Schnäpsli. Die sind ärztlich verordnet und lindern seine Schmerzen. Gegen die Behandlung auf der Palliativstation hatte er Bedenken. Drei Tage später ist er ganz anderer Meinung: „Ich habe großes Vertrauen.“

„Dieser Schmerz ist wie ein Brett vorm Kopf.“

Seit bald zwanzig Jahren attackiert der Krebs den Körper von Herrn H. 1998 griff er die Blase an. 2003 den Darm. Von dem fraß er ein ganzes Stück. Herr H. streift seine Pyjamajacke ein Stückchen hoch und tätschelt den Stomabeutel, der auf seinem Bauch klebt. Mit dem Stoma, dem künstlichen Darmausgang, kommt er gut klar. Nur Bratensoße verträgt er nicht mehr so gut, leider. „Dabei mag ich doch Klöße so gern. Die Grumbern bauen wir bei uns im Garten an. Die Frau hat sie am Sonntagmorgen geschält. Und während sie in der Kirch‘ war, habe ich die Bröckeli für die Füllung gemacht.“ Ein Kartoffelkloß, ein kleines Stück Fleisch, ein bisschen Soße, das ging immer noch, und seine Leibspeisen, Pfannkuchen und Grießbrei, vertrug er ganz einwandfrei. Ein Glück.

Vor einer Weile kehrte der Krebs zurück. Diesmal schnappte er sich die Prostata und streute Metastasen in die Knochen. Die Nukleartherapie schlug nicht gut an. Von Woche zu Woche arbeiteten sich die Geschwulste weiter in die Knochen. Herr H. ist einer, der lieber lacht, als zu jammern. „Ich heiße Ernst, aber ich bin’s nicht“, sagt er. Doch als er vor einem halben Jahr morgens aufstand, schoss der Schmerz das erste Mal wie ein Stromschlag durchs Bein. Und seither immer und immer und immer wieder. Eine Acht gibt ihm Ernst H. auf der Schmerzskala von Null bis Zehn. „Dieser Schmerz ist wie ein Brett vorm Kopf. Da kannst du nichts anderes mehr sehen und spüren.“ Die Schmerztabletten schlugen ihm auf den Magen. Er mochte nicht mehr essen, nahm ab. „So kannst Du doch nicht leben. Ich habe kaum noch einen Schritt gehen können. Wenn der Schmerz ganz schlimm wurde, hab‘ ich mich aufs Kanapee gelegt. Aber der Schmerz war immer da.“

Medikamente gegen den Schmerz, Zuwendung für die Seele

Porträtfoto: Ernst H.

Seinen Arzt um Hilfe bitten mochte Herr H. nicht. Typisch Mann. Da ergriff seine Frau die Initiative und ging selbst zu Ernst H.s Arzt. Der überwies ihn in die Palliativstation des Würzburger Juliusspitals. Ernst H. erschrak fürchterlich. „Ich habe gesagt: Ich geh‘ doch nicht ins Totenkämmerle!“ Aber er ging doch und stellte fest: von Totenkämmerle keine Spur. Stattdessen: weniger Schmerz. Aufatmen. Leichter weiterleben. Am Montag bezog er sein Zimmer. Am Donnerstag liegt er sehr munter er in seinem Bett. „Ich bekomme jetzt andere Tabetten. Sie sollen wirken, bevor der Schmerz richtig ausbricht. Das muss sich noch einspielen, die Ärzte testen, wie ich auf die Medikamente reagiere.“

Ergänzend zu den Tabletten servieren die Pflegekräfte Ernst H. flüssige Schmerzmittel im kleinen Becher. Schnäpsli nennt er sie. Sie nehmen dem aufwallenden Schmerz die Spitze. Appetit hat Ernst H. schon wieder, schafft zu jeder Mahlzeit eine ganze Portion. Physiotherapie lockert seine verkrampften Muskeln, die Zuwendung des Palliativteams tut seiner Seele gut. „Das ist eine solche Freundlichkeit und Aufmerksamkeit hier auf der Station. Ich habe großes Vertrauen.“

„Ich habe gesagt: Ich geh‘ doch nicht ins Totenkämmerle!“

Seit 13 Jahren ist Ernst H. in Rente. Vorher arbeitete er als Kesselwärter im Schichtdienst. Es hat lange gedauert, bis er nicht mehr viel zu früh am Morgen aufwachte und die Beine über die Bettkante schwang, den Schichtrhythmus im Kopf. Für die nahe Zukunft wünscht er sich, „dass ich mich wieder frei bewegen kann. Jetzt im Winter müsste ich Holz machen, im Frühjahr mag ich gern im Garten werkeln. So wie die anderen Rentner nur im Städtle hinauf und hinunter wackeln, das kann ich nicht.“ Weiter voraus mag er nicht denken. „Wenn ich mal sterbe, soll es schnell gehen“, sagt er nur. Und, dass er gerne wieder in die Palliativstation kommen würde. Wenn es nötig wäre.

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