Es bleibt noch was: Kunsttherapie auf der Palliativstation.

Kunsttherapie? Puh. „Da denken viele an die Grundschulzeit, als das Malen gar keinen Spaß mehr machte, weil es auf einmal beurteilt und bewertet wurde. Oder an die Maltante, die in jeden Pinselstrich etwas reininterpretieren will.“ Und hat man als schwerstkranker Mensch nicht ganz andere Sorgen? Christine Kroschewski kennt alle Vorbehalte. Doch wenn sie mit ihrem Materialwägelchen in ein Zimmer auf der Palliativstation kommt, machen 90 Prozent aller Patientinnen und Patienten mit, basteln, malen, kleben, schnippeln. Manche kommen ins Reden, einige endlich wieder zum Atmen. Was auch immer passiert: Wenn es dem Menschen gut tut, dann ist es auch für Christine Kroschewski gut.

Abschied nehmen, durchatmen, die Dinge in Hand nehmen …

„Für die einen bin ich erstmal nur die Basteltante. Eine alte Dame hat einen Nachmittag lang mit ihren Freundinnen Fröbelsterne gebastelt. Sie haben die Gelegenheit genutzt, um wichtige Dinge zu besprechen und Abschied zu nehmen.“ Andere haben ein konkretes Ziel, das Christine Kroschewski mit der Kunsttherapie unterstützen kann. Ein solches Ziel kann zum Beispiel heißen: Weg vom Sauerstoffgerät! Während ein Mensch malt, sich immer mehr in Farben und Formen, ins Hantieren mit Pinsel und Papier versenkt, kann sich die Atmung beruhigen, vertiefen und nicht selten wieder ohne Unterstützung fließen. Wenn das Leben von Ungewissheit und Angst bestimmt ist, kann es guttun, die Dinge auch mal buchstäblich selbst in die Hand zu nehmen. Ein Patient mit geistiger Behinderung hatte Lust, eine Martinslaterne zu basteln. „Dann haben wir Martinslaternen gebastelt, bis ich nicht mehr konnte. Aber ihm hat es gutgetan.“

Das Wohlgefühl hängt am wollenen Faden

Wer malen kann, der malt. Für alle anderen hat Christine Kroschewski eine Menge verblüffelnder Techniken parat: ebenso einfach wie effektvoll. Fadenbilder zum Beispiel. „Das kann jeder machen, selbst Patienten mit starkem Tremor. Da gibt es keine Frustration.“ Der Patient entscheidet sich für ein Papierformat und wählt zwei oder drei Farben aus. Mit denen tränkt er abschnittsweise einen dicken Wollfaden. Anschließend legt er den farbsatten Faden, schön gekringelt, zwischen zwei Blätter eines Aquarellblockes. Nur ein Wollfadenschwänzchen mit einer Schlaufe daran lugt noch hervor.

Christine Kroschewski färbt einen Wollfaden für ein „Fadenbild“ ein.

Auf dieses Papier-Wollfaden-Sandwich legt Christine Kroschewski beide Hände und drückt fest zu. Der Patient greift das Fadenende und zieht ihn mit sachtem Ruckeln hervor, immer im Kreis herum. Irgendwann hält er den gesamten Faden in der Hand und  kann die beiden Blätter aufdecken. Was sich darauf abgezeichnet hat, sieht nicht nach Wollfadenspuren aus, sondern nach abstrakter Kunst, wie sie in Galerien hängen könnte.

Ein Bild, das mit der „Fadentechnik“ entstanden ist.

Und dann? „Ich interpretiere nicht, sondern lasse mir vom Patienten erklären, was er sieht oder spürt“, erklärt Christine Kroschewski. Einer sagt dann: „Das sieht aus wie im Urlaub“ und schnauft entspannt durch. Und ein anderer: „Wie meine Frau und ich gestern am Telefon, da ging es auch so hin und her und hin und her.“ Oder: „Genau so sah gestern die CT-Aufnahme von meinem Tumor aus.“ Vielleicht hängt ein Patient diesen Eindrücken ganz für sich nach. Vielleicht beginnt er aber auch, zu erzählen. „Was hochkommen will aus der Seele, das kommt hoch“, nickt Kroschewski. „Da muss ich nicht rumpopeln.“

„Was hochkommen will aus der Seele, das kommt hoch. Da muss ich nicht rumpopeln.“

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Die Patienten sind es wert

Christine Kroschewski ist Sozialpädagogin, Kunsttherapeutin und ausgebildet in Palliative Care. Lange Zeit engagierte sie sich ehrenamtlich als Hospizhelferin. Seit 15 Jahren arbeitet sie als Kunsttherapeutin auf einer Palliativstation. Zweimal pro Woche zieht sie ihr Materialwägelchen mit Farben, Stiften, Pinseln, Bastelpapier, Fäden, Kleber, Pappen, Malkartons und Aquarellbögen durch die Station, guckt in die Patientenzimmer. Wer Lust hat, macht mit. Jeder Patient bekommt „die Zeit, die er braucht. Zwei Minuten oder zwei Stunden.“ Ihre Materialien sind hochwertig, das Aquarellpapier dick. „Weil die Patienten es wert sind.“ Viele Bilder klebt Christine Kroschewski auf farbigen Plakatkarton; an den Rand setzen die Malerinnen und Maler das Datum und ihre Signatur. Nicht jedes Bild hängt anschließend im Patientenzimmer. „Nur die, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind“, sagt Kroschweski. „Andere werden auch gut eingepackt und aufbewahrt, manche auch zerrissen, manche verbrannt – eben ein kreativer Umgang mit den Bildern!“

Oft erlebt die Kunsttherapeutin „sehr intensive Momente, fröhliche wie traurige. Mal lachen wir uns schlapp, mal heulen wir miteinander Rotz und Wasser.“ Professionelle Distanz, das bedeutet: mitfühlen – aber nicht mit leiden. Christine Kroschewski nimmt „nur ganz selten einen Patienten mit nach Hause an den Küchentisch.“ Risse bekommt ihr Schutzwall, wenn sie mit gleichaltrigen Patientinnen oder Patienten arbeitet – oder mit Eltern, die kleine Kinder oder Halbwüchsige zurücklassen müssen.

„Das letzte Kamel kann nicht mehr.“

Eine ihrer Patientinnen war alleinerziehend, die Tochter dreizehn Jahre alt. „Ich habe mit dem Mädel gearbeitet. Irgendwann bekam auch die Mutter Lust.“ Einige Tage später kam Christine Kroschewski das nächste Mal auf die Station. Da lag die junge Frau schon sterbend und kaum noch ansprechbar in ihrem Bett. Als die Therapeutin ihr die Hand auf die Schulter legte – eine Technik der basalen Stimulation – kam die Frau zu sich, war präsent und ganz klar. Sie wollte noch dieses Bild malen, für ihre Tochter. Christine Kroschewski nahm einen Papierbogen und gab der Sterbenden ein Farbfläschchen in die Hand. Die sammelte alle Kraft in ihren Fingern und setzte fünf kleine Kleckse in einer Linie an den oberen Bildrand. „Ich habe das Bild aufgestellt und gemeinsam haben wir zugeschaut, wie die Farbe von den ersten vier Klecksen über das Papier nach unten lief. Der letzte Klecks gab keine Farbe mehr ab. Da sagte die Mutter: `Das ist eine Karawane und das letzte Kamel kann nicht mehr´.“

Christine Kroschewski zeigt Fotos von Bildern, die Patienten gemalt haben.

Bei der Trauerfeier ruhte der Körper der Mutter in einem Sarg, den die Tochter gemeinsam mit Freundinnen bemalt hatte. Eingerahmt wurde der Sarg von zwei Staffeleien, darauf die selbstgemalten Bilder von Mutter und Tochter. Die Tochter der Verstorbenen besuchte Christine Kroschewski nach der Beerdigung und brachte ihr Fotos. Fast alle Bilder, die in Christine Kroschewskis Kunsttherapie entstehen, werden von Angehörigen mitgenommen. „Das sind wichtige Abschiedsspuren: Es bleibt noch was.“

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