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Am Karfreitag unterwegs

Eine moderne Betrachtung des Kreuzweges im 21. Jahrhundert

Von Frau Marianne Beierle aus Bissingen

Zur Zeit Jesu Christi war der Kreuztod fast alltägliche Strafe für Verbrecher. SEIN Kreuzweg jedoch hat alles extrem verändert. Er predigte bedingungslose Liebe. Seine Liebe ging sogar soweit, dass er freiwillig den Kreuztod starb. Aber genau hier am scheinbaren Ende begann ein aller verändernder Anfang. ---- Seine Auferstehung. Sie macht alles neu. Sie gibt jedem Leben auch heute in unserer Zeit neuen Sinn. Seine Auferstehung ist Hoffung für jeden Menschen der bereit ist – Jesus Christus gleich – sein persönliches Kreuz auf sich zu nehmen ... gestern, heute und morgen. Ein möglicher Kreuzweg in heutiger Zeit sieht vielleicht so aus ......

1. Station: .....wird zum Tode verurteilt ......
Sie sagen Dir so könne es nicht mehr weitergehen. Du könntest Dich nicht mehr versorgen, Dich nicht mehr ordentlich pflegen und ankleiden. Deine Wohnung sei so unordentlich und drohe zu verwahrlosen. Sie sind Herr über Dich und beschließen alles besser zu wissen als Du. Und so beschließen sie, weil es ja gut für Dich sei, einen Heimplatz für Dich zu suchen. Sie selber haben ja eine viel zu kleine Wohnung, sind den ganzen Tag berufstätig und können Dich leider nicht aufnehmen. Unzählige Erklärungen werden Dir übergestülpt nur damit Du es verstehst.

2. Station: ........ nimmt das Kreuz auf seine Schulter .....
Du versuchst Dich an den Gedanken zu gewöhnen. Du gibst alles auf. Schon bald haben Sie einen Heimplatz für Dich gefunden. Wunderschöner Neubau, modernes Design, ruhige Lage. Was soll`s? Du willigst ein, nur um, wie sie sagen vernünftig zu sein und schon bald ziehst Du ein mit dem vollen Bewusstsein, das hier Deine letzte Station, Deine letzte Bleibe sein wird. Alles was Deine Heimat war hast Du zurückgelassen, trotzdem gehst Du Deinen Weg.

3. Station: ....... fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz ....
Wochen und Monate sind vergangen. Die Zeit des Eingewöhnens ist vorbei und Du nimmst Dein Schicksal an. Es geht so – zumindest scheint es so. Und da passiert es, eine kleine Unachtsamkeit führte zu diesem Sturz mit den entsprechenden Folgen. Die Fraktur Deines Oberschenkels wird im Krankenhaus operiert und einige Wochen kannst Du Dein Bett nur kurz und nur mit viel Hilfe verlassen. Krankengymnastik hilft Dir zumindest unabhängiger zu werden. Schmerzen erträgst Du. Langsam und mühsam kommst Du voran, aber Du gehst weiter Deinen Lebensweg. Nun ist ein Rollstuhl Dein Begleiter.

4. Station:......begegnet seiner Mutter ...
Du nimmst Dein Schicksal an mit der Zeit. Du hast liebe Menschen um Dich, jemand vom Pflegepersonal der Dich in den Arm nimmt, Dir aufmerksam zuhört, Dich zärtlich und liebevoll streichelt zur rechten Zeit. Du hast Menschen um Dich die Dich in ihr Herz geschlossen haben, junge Menschen vom Pflegepersonal die Dich ehren und Ehrfurcht haben vor Dir, dem Menschen der so viel Wunderbares und soviel Schweres erlebt hat.
Ein Lächeln, eine Berührung sind so wertvoll und so kostbar – warum... weil es ehrlich und von Herzen kommt. Strahlen der Sonne, des Lichts umgeben Dich zwischendurch im Raum des geduldig Annehmen- Müssens des Leids und Deiner Schmerzen.

5. Station: ..... Simon von Cyrene hilft ...... das Kreuz tragen ...
Ach ja, Du bist doch nicht allein in diesem Hause. Es gibt noch Mitbewohner auf der Station, die ähnlich wie Du auch versuchen hier zu leben. Auch sie haben ihre Geschichte, irgendwie ungewollt und doch sind sie da, gehen mit Dir ihren und Deinen Weg. Und manchmal spürst Du es richtig und es tut Dir gut, dass sie da sind. Du kannst Dir hin und wieder etwas von der Seele reden, freilich Änderungen sind wahrscheinlich nicht so leicht möglich (wenn überhaupt) aber es tut schon gut wenn jemand zuhört und ein wenig mitträgt an Deiner Last des Alltags und das verbindet. Du schätzt es sehr.

6. Station: ..... Veronika reicht ..... das Schweißtuch ....
Es gibt Menschen die bemüht sind, Dir den Aufenthalt hier so schön wie möglich – wenn man das so sagen kann – machen wollen. Ja, sie haben Dir ja damals, wie Du weißt, versprochen, es würde Dir an nichts fehlen. du willst es eigentlich gar nicht, aber irgendwie nimmst Du ihre Angebote an. So ein Ausflug ab und zu, egal wohin, so ein kleines Fest, das zum Jahresablauf passt oder irgendwelche unregelmäßigen Aktivitäten gleich welcher Art bringen wenigstens ein "leichtes Lüftchen" in den ansonsten so starren und scheinbar routinierten Tagesablauf Deines Lebens. Mittlerweile ist gar nicht mehr wichtig, was Du möchtest – das haben andere für Dich übernommen – das Wünschen. Ganz wichtig ist, das der Stationsablauf nicht groß gestört wird.

7. Station: ..... fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz ...
Schon Jahre sind vergangen seit Du hier bist. Du hast einiges erlebt hier. Menschen die Dir hier begegnet sind und dir Freund geworden sind, Du hast sie wieder verloren. Aber es scheint Dir nicht auszumachen. Du weißt es einfach nicht mehr. Alle Menschen um Dich herum erscheinen dir verändert. Du bist jung, musst doch heim zu Deiner Familie, Deine Kinder kommen aus der Schule. Dein Mann wartet auf ein deftiges Mittagessen und die Gartenarbeit steht auch noch an. Sie sagen Dir, Du seiest fast 90 Jahre alt und Du hättest Deine Arbeit bereits getan. – So ein Schmarren. Warum verstehen Sie dich nicht?? Sie sagen, Du sollst Dich ausruhen von Deinem erfüllten Leben. Vieles ist so anders geworden, warum bloß? Wie so oft wolltest Du mit Deinem Rollstuhl nach draußen, aber – ja warum denn – die Türen sind auf einmal verschlossen. Sie sagen Dir wenn jemand Zeit hätte, würde Dich jemand begleiten, aber im Moment wäre es nicht möglich. Irgendwie hast Du noch nicht bewusst wahrgenommen, dass sie Dich auf eine "Geronto-Station" verlegt haben, nur zu Deinem allerbesten natürlich. Viele kleine Pillen sollst Du schlucken, Du möchtest gar nicht, aber wieder meinen sie, es wäre sehr wichtig und unbedingt nötig. Du weißt nicht, warum Du zwischendurch immer wieder so müde wirst.

8. Station:.....begegnet den weinenden Frauen ....
Du lebst in Deiner Kindheit und Du erlebst Deine Jugendzeit noch einmal. Sogenannte ehrenamtliche Helfer kommen und begleiten Dich, fahren Dich in den Garten, schieben Dich irgendwo hin und meinen sie tun Dir was Gutes. Deine Familie spricht mit dem so professionellen Pflegeteam. Übereinstimmend beklagen sie wie schlimm es doch geworden sei und wie schnell doch Dein geistiger Verfall fortschreite. Sie beschließen für Dich Pflegestufe 3 zu beantragen. Du selber strahlst innere Zufriedenheit aus, lange schon hast Du nicht mehr soviel gelächelt. Du kannst uns nicht mehr erklären, was Dich so frei und unbekümmert erscheinen lässt.

9. Station: .... fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz ......
Du hast kein Gefühl von Zeit mehr. Du lebst einfach und der Lauf der Zeit trägt Dich. Schöne und schwere Tage ziehen an Dir vorüber. Sie sagen Dir Essen und noch mehr Trinken wäre doch so wichtig. Du weißt nicht mehr, was das ist und was das soll. Du willst es einfach nicht mehr. Du willst Deine letzte Kraft sammeln für Deine letzte große Aufgabe. Dir ist bewusst, dass Du Deinem Ziel, Deinem eigentlichen einzigen wichtigsten Ziel Deines Lebens nahe bist, die Zeit ist gekommen. Sie sehen es nicht, sie verstehen Dich in Deinem Innersten, Deiner Seele nicht. Sie lagern Dich alle 2 Stunden auf eine andere Seite und tragen es in irgendwelche Pläne ein. Immer mal wieder eine zärtliche Berührung, ein liebevolles Lächeln – es schenkt Dir Geborgenheit: Und wieder entscheiden Sie über Dich. Da Du jetzt nun gar nicht mehr essen und trinken möchtest beschließen sie – wieder einmal nur zu Deinem besten – dagegen etwas zu unternehmen. Drei Tage bringen sie Dich ins Krankenhaus und jetzt musst Du nicht mehr essen und trinken, alles was Du angeblich brauchst, erhält Dein Körper über die operativ gelegte PEG-Ernährungssonde. Noch immer begreifen sie nicht, wonach es Dich hungert und dürstet.

10. Station: ...... wird seiner Kleider beraubt ....
Und wieder geht ein Stück Alltag, Normales ja Gewohntes verloren. Sie hängen Deinen Ernährungsbeutel an den Ständer und danach die gleiche Menge an Tee. Mahlzeiten gibt es nicht mehr und so ist es Dir irgendwie gar nicht mehr möglich festzustellen, ob es morgens oder abends oder irgendwann mittags ist. Kleidung brauchst Du auch nicht mehr. Du trägst bei Tag und bei Nacht ein fremdes weißes Klinikhemd. Es erleichtert den "Tuenden" wie sie sagen, Deine Pflege. Deine Geschwüre am Rücken und an den Fußknöcheln schmerzen Dich. Du kannst es ihnen nicht mehr sagen. Dein Blick jedoch spricht Bände. Und Gott sei Dank merkt ein aufmerksamer Beobachter Deine Qual. Die entsprechende Dosis Schmerzmittel scheint Dir Deinen Alltag ein wenig erträglicher zu machen.

11. Station: ..... wird an das Kreuz genagelt ....
Wochen und Monate vergehen. Dein Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends. Sie rufen irgendwann Deine Familie. Sie sitzen an Deinem Bett, versuchen Deine letzten Stunden mit Dir gemeinsam zu verbringen. Es fällt ihnen schwer, aber ihre Liebe zu Dir schenkt ihnen die Kraft. Ein Geistlicher salbt Dich mit heiligem Öl. Dein Puls wird langsamer und Deine Atmung flacher. Du hörst wie sie einander hilflos fragen "Wie lange wohl noch ....." und dass Du hoffentlich nicht noch in ihrer Schicht sterben würdest. Auch Dich dürstet und sie befeuchten Deinen Mund, Deine Lippen mit allerlei was zur modernen Krankenpflege gehört. Es tut Dir gut.

12. Station: ....... stirbt am Kreuz .....
Es gibt ganz wunderbare Menschen, die viel Lebenszeit mit dir verbrachten. Sie sind zutiefst kostbar und sie sind auch jetzt bei Dir. Sie streicheln zärtlich Deine Hand. Sie versuchen Dir Furcht und Angst zu nehmen vor dem Kommenden. Sie begleiten Dich mit ihrer Liebe und ihrem Gebet, mit ihrem Wort. Endlich lassen sie das Tun und sind bei Dir im Sein. Und Stunden vergehen so und noch Tage. Und dann lässt Du alles los alles hinter Dir. Völlig frei und unaufhaltsam verlässt Du diese Welt. Du hast alles vollbracht.
Alles ist vollendet in etwas Neuem was uns verborgen bleibt, was nur Du allein kennst. Dein entspannter zutiefst selig wirkender Gesichtsausdruck erzählt uns davon.
Du bist gestorben. Manche von ihnen können es nicht einmal aussprechen, sie sagen Du hast Dich verabschiedet, wieder andere sagen Du seiest entschlafen und im Computer des Heimes wird Dein Tod als "Auszug" registriert. Nur wenige Menschen können aussprechen Du bist gestorben.

13. Station: .... wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt .......
Sie denken zurück an die vielen Jahre die hier warst in diesem Hause. Sie sagen fast 14 Jahre waren es. Sie schauen auf Dein Leben, Deine Zeit hier in diesem Hause und jemand meint die Ewige Ruhe sei dir gegönnt und Dein Tod sei Erlösung von einem langen Leiden. Was wissen sie??

14. Station:... Der heilige Leichnam ....wird in das Grab gelegt .....
Noch einmal wird ihnen dargelegt, was für ein wunderbarer Mensch Du doch warst und wie viel Leiden Du doch auf Dich genommen hast und getragen hast bis zur Vollendung. Und im Laufe dieses Gottesdienstes wird ihnen erst bewusst wie qualvoll Dein Kreuzweg doch war und wie mühsam. Ein langer Karfreitag ging zu Ende. Wenn sie doch jetzt auch begreifen würden, dass jetzt erst Dein wahres Leben beginnt – Leben in Fülle. Der Auferstandene ging Dir voraus.

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